Reise Südtirol - Modernes Märchenland

Von wegen Alpenkitsch. Südtirol bietet die ideale Mischung aus Trends und Traditionen. Ein Schauplatz der Gegensätze – und für unsere Autorin Anja Haegele der Gipfel großer Gefühle

Südtirol - Modernes Märchenland © Anita Stizzoli - iStockphoto

Nein, Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Vielmehr habe ich Südtirol viele Jahre lang gehasst: Als ich ein Kind war, fuhren wir regelmäßig in den Herbstferien dorthin. Zum Glück wählten meine Eltern fast immer ein Hotel mit Schwimmbad. Das Schwimmbad war, so fand ich, das Beste an Südtirol. Am wenigsten mochte ich die Berge: Hirzer, Muthspitze, Ifinger. Oder die Rundwege: Meraner Höhenweg, Spronser Seen. Ich musste sie alle erwandern. Die Anstrengung war mir zuwider. Vor allem aber hasste ich die Angewohnheit meines Vaters, uns während des Wanderns nicht etwa Märchen – so dachte ich, machen es andere Väter –, sondern mathematische Textaufgaben zu stellen.

Sobald ich alt genug war, mich zu verweigern, blieb ich während der Herbstferien bei meiner Oma. Und schwor: Nie wieder Südtirol. Zwanzig Jahre später, zur Hochzeit, bekamen mein Mann und ich eine Reise in das Land meines „Kindheitstraumas“ geschenkt. Weil man bei einer geschenkten Reise nicht am Ziel rummeckert, fuhren wir eben. Und ich war äußerst überrascht: Sogar die Berge gefielen mir plötzlich – als majestätische Kulisse.

Da wir nicht wanderten, hatten wir viel Zeit, jenes Südtirol zu entdecken, das ich seither sehr liebe. Einmal im Jahr muss ich einfach hinfahren. Manche meiner Freunde machen sich lustig darüber. Sie sagen, Südtirol sei spießig, ein Ziel für Leute in beigen Polyester- Klamotten und Herrensandalen, die in Alpenkitsch- Pensionen wohnen. Natürlich existieren die Alpenkitsch- Pensionen – in einer Art Paralleluniversum. Doch das Südtirol, das ich so mag, findet anderswo statt. Es ist gleichzeitig bodenständig und modern. Gezeigt haben es mir unter anderem Menschen wie Alois Lageder, Josef Innerhofer und Gregor Wenter.

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Anja Haegele