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Reisetipp Tanger

Sie vereinigt das Beste aus Europa und Afrika: Die weiße Stadt Tanger an der Straße von Gibraltar hat Autor Michael Kneissler regelrecht verzaubert.

Tanger Reisetipp Tanger © Thinkstock

Auf den Klippen ist der Weg für das Taxi zu Ende. Wir zahlen neun Dirham für die Stadtfahrt, kaum 90 Cent. Dann geht es zu Fuß ein paar Dutzend Schritte zwischen weiß getünchten Mauern durch eine schmale Gasse bis zu einem Tor, über dem in provisorischen Buchstaben die Worte „Café Hafa 1921“ aufgemalt sind. Wir passieren den engen Durchgang – und dann bleiben wir abrupt stehen. Der Ausblick verschlägt uns den Atem.

Vor uns liegt das Meer, tiefblau mit weißen Schaumkronen, und der Blick schweift über die Straße von Gibraltar bis nach Spanien. Zahlreiche Schiffe sind unterwegs. Links geht es zum Atlantik, rechts ins Mittelmeer. Über uns wölbt sich der Himmel in zartem Blau. Unter uns sind schmale Terrassen in den Felsen gehauen, auf denen weiße Tischchen und Plastikstühle stehen. Wir hatten gehört, dass dies ein magischer Ort sei. Aber dass die Magie so spektakulär aussieht, damit hatten wir nicht gerechnet. Der Blick vom uralten „Café Hafa“ symbolisiert alles, was Tanger ausmacht: die dramatische Architektur an der Steilküste, der Zusammenfluss zweier Meere, die Nähe Europas und die Weite Afrikas, die sich südlich der Stadt über Tausende von Kilometern bis an das Kap der Guten Hoffnung erstreckt.

Wir nehmen an einem der wackligen Tische Platz und bestellen den traditionellen Minztee, den hier schon der Maler Henri Matisse, der Schriftsteller Tr uman Capote und Mick Jagger von den Rolling Stones zu sich nahmen. Im vergangenen Jahrhundert war Tanger Treffpunkt der internationalen Boheme. Doch der letzte große Künstler, der hier seinen Tee schlürfte, war Michael Jackson. Und der starb 2009.

Jetzt führt das Café eine Art Dornröschenschlaf. Aber immer noch ist es ein Ort, wie es ihn nur einmal gibt auf der Welt. Das sagt Ahmed, der Kellner, der als Einziger die alten Zeiten überlebt hat. „Wer einmal hier war“, sagt er, „wird den Platz nie vergessen. Er prägt sich nicht nur dem Auge ein, sondern auch der Seele.“

Aber das gilt für die ganze Stadt. Kühn krallen sich die weißen Häuser Tangers an die Hänge über dem Meer. Verwunschene Paläste, baufällige Synagogen, uralte Kirchen und überfüllte Moscheen verstecken sich im Straßengewirr der alten Medina. Vor 70 Jahren war das hier der Sündenpfuhl Afrikas. Tanger war ein Steuerparadies nach internationalem Recht, und Millionäre, Betrüger, Glückssucher, Liebende, Künstler, Spione und Diplomaten verkehrten in den Hotels, Kaffeehäusern, Haschischhöhlen und Bordellen. Heute gehört Tanger zu Marokko und ist eine der friedlichsten und sichersten Städte Afrikas.

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