Reisetipp

Paradies Pyrenäen

Die Britin Julia Stagg liebt das Ariège, den verträumten Südrand Frankreichs. Hier, an ihrem zweiten Wohnsitz, spielt ihr erster Roman: in einer Welt, wie geschaffen, den Alltag zu vergessen.

Ariège Paradies Pyrenäen © istockphoto

Eingebettet zwischen schneebedeckten Gipfeln, auf der französischen Seite der Pyrenäen, liegt ein relativ unbekanntes Département: das Ariège. Als ich dort vor einigen Jahren, unweit des Städtchens Saint-Girons, mein Gasthaus führte, erhielt ich unzählige Anrufe von Leuten, die wissen wollten, wo es sich eigentlich genau befinde. Wenn man diese wundervolle Region bereist, scheint es fast, als hätten nicht nur die Franzosen sie vergessen, sondern als hätte selbst die Zeit sie übersehen.

Wer im Spätfrühling hierherkommt, dem wird auffallen, wie grün alles ist. Überquert man die Grenze nach Spanien oder Andorra, ist das Land braun, ausgedörrt, gezeichnet von der unbarmherzig strahlenden Sonne. Aber hier im Westen des Ariège, im Couserans, bleiben Hügel und Berge im Schutz der Pyrenäen üppig und saftig, sogar im Hochsommer.

Musik weht über den Weiden

Jetzt präsentieren sie sich allerdings von ihrer besten Seite. Während sich Gipfel in Weiß hüllen, erblühen unterhalb der Schneegrenze die Wiesen: Krokusse und Primeln bilden violette und cremefarbene Tupfer. Wer scharfe Augen hat, entdeckt vielleicht einen Flecken mit Edelweiß oder eine Orchidee, die ihr majestätisches Haupt erhebt.

Wir sind zu früh für die „Transhumanz“, die Herdenwanderung, die erst in ein paar Wochen stattfinden wird. Bis ins Mittelalter reicht die Tradition zurück: Die Bauern treiben ihre Tiere zu den Bergweiden hinauf, wo die Herden die langen Sommertage verbringen und von einer Wiese zur anderen zotteln. Das Bimmeln der Kuhglocken ist die pyrenäische Sommermusik. 

Die Herdenwanderung ist inzwischen eine Attraktion, jedes Jahr nehmen mehr Touristen daran teil. Sie begleiten Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde und feiern mit den Bauern und Hirten, nachdem die harte Arbeit vollbracht ist. In den umliegenden Dörfern wie Seix oder Massat wird gesungen, getanzt und ausgiebig getafelt.

Köstlich schmecken die traditionellen Mahlzeiten! Hausgemachte Pasteten mit knackigen Cornichons, dazu als Hauptgericht saftiges Frühlingslamm und neue, vor Butter nur so glänzende Petersilienkartoffeln, Käse, frisch aus der nahe gelegenen „Fromagerie“, und als Nachspeise eine für das Ariège typische „Croustade“, eine Blätterteig-Tarte mit Pflaumen, Blaubeeren oder anderem Obst. Und zu allem wird herrlicher Wein serviert: eine angemessene Belohnung für die Strapazen!

Jetzt im Spätfrühling haben wir die Berge noch für uns. Wir unternehmen eine ausgedehnte Wanderung, die uns an Seen vorbeiführt, an deren Ufern noch Eis hängt. Wir besuchen die Ruinen des Château de Mirabat und genießen den Blick auf die imposanten Gipfel, die uns von Spanien trennen. 

Auf dem Rückweg begegnen wir einer vom Alter gebeugten Frau. Ihr Gesicht ist ganz knitterig vom Leben im Freien. Sie ist mit einer kleinen Schafherde unterwegs, die sie von einer Weide zur nächsten treibt. Wir sind ein willkommener Grund für eine kleine Rast. Die Hirtin erzählt aus ihrer Jugend: „Die Berge haben sich verändert“, sagt sie, und ihre Hand vollführt eine ausholende Bewegung über das waldige Panorama.

„Zu meiner Zeit wurden die Berge bewirtschaftet. Man hat steile Terrassen gebaut, die Bäume gefällt und das Land bearbeitet. Nun hat sich die Natur alles wieder zurückerobert.“ Die Frau schüttelt den Kopf, wünscht uns „bonnes vacances“, schöne Ferien, und pfeift den Hund zu sich, der geduldig im Schatten gelegen hat. Erst als sie ihren Marsch fortsetzt, bemerken wir sie: die überwucherten, bröckelnden Reste der Steinmauern.

Am späten Nachmittag kehren wir müde und hungrig nach Seix zurück, wo wir logieren. Das Café im Zentrum ist geöffnet. Wir lassen uns auf Stühle sinken und beobachten die Dorfbewohner, die vor der Bäckerei Schlange stehen und miteinander plaudern. Selten steht ein Mund still. Nach einem Bier bleibt gerade noch genug Zeit für einen kleinen Bummel vor dem Abendessen. Wir schlendern am Ufer des Flusses entlang, der den – für uns lustigen – Namen „Salat“ trägt. Durchs kristallklare Wasser watet ein einsamer Angler. Mitten im Fluss lässt er die Rute durch die Luft sausen. Die Schnur schimmert im Abendlicht. Nein, gefangen habe er nichts, sagt er mit einem Lächeln. Aber das scheint ihn nicht zu stören. Er macht einen weiteren Schritt in das rasch dahinströmende Wasser, das gläsern wie Gletschereis aussieht.

Unsere Mahlzeit beginnt mit einem Salat mit Käse, gefolgt von einem deftigen „Cassoulet“. Die Diskussion über den Ursprung dieses Eintopfs vermag gesittete Gourmets in leidenschaftliche Streithähne zu verwandeln, aber an diesem Abend ist es mir egal, in welcher Stadt er erfunden wurde. Pikante Würstchen, grüne Bohnen und Entenconfit sind genau das, was ich jetzt brauche. Ich glaube nicht, dass ich noch einen weiteren Bissen schaffe, erliege aber doch einer Mousse au Chocolat. Nicht lange danach falle ich ins Bett und lasse mich von fernen Kuhglocken in den Schlaf singen. 

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