Türkei Anatolien - Urlaub im Paradies

An der lykischen Küste scheint die Wirklichkeit himmelweit entfernt: Die Antike flirtet mit der Hippie-Ära, die Natur überrascht mit wahren Wundern.

Türkei Anatolien - Urlaub im Paradies © Thinkstock

Mit Wünschen ist das so eine Sache. Meistens hat man zu viele und kann sich nicht entscheiden, welcher wohl der wichtigste ist. Doch jetzt, da ich mitten in der Nacht auf einem einsamen Bergpfad in Anatolien wandere, habe ich nur den einen: dass meine Taschenlampe nicht schlapp macht. Ohne sie käme ich keinen Schritt weiter. Hilflos wäre ich der Finsternis ausgeliefert, vor allem meiner Fantasie und damit: der Chimäre. Hier auf dem Berg Yanar an der lykischen Küste, gut eine Autostunde von Antalya entfernt, soll das Ungeheuer einst sein Unwesen getrieben haben. So lange zumindest, bis Bellerophon, Enkel des Sisyphos, dem Monster den Kampf ansagte und ihm einen dicken Bleiklumpen in den Rachen jagte. Glaubt man dem Dichter Ovid, starb es in der Folge an verstopften Atemwegen. Hört man jedoch auf die Einheimischen, hat das Mischwesen, das vorn wie ein Löwe, in der Mitte wie eine Ziege und hinten wie ein Drache aussieht, den Angriff überlebt. Es verzog sich tief in den Berg, wo es noch heute sitzt und Feuer spuckt.

Als ich das Felsplateau erreiche, bin ich fast bereit, das zu glauben: Hier und da züngeln Flammen aus Gesteinsspalten. Acht, zehn kleine Feuerstellen zähle ich. Seit Jahrtausenden brennen sie hier ohne Unterlass. Warum, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Klar ist nur, dass ich die Taschenlampe jetzt nicht mehr brauche. Der Ort des ewigen Feuers von Chimaira heißt im Türkischen Yanartas, was übersetzt so viel bedeutet wie „brennender Stein“. Ein treffender Name für ein Naturschauspiel, das so rätselhaft wie romantisch ist – und das sprichwörtliche Highlight jeder Reise an die lykische Küste.

So bin ich hier oben auf den Felsen auch nicht mehr allein. Zwei Dutzend Leute haben sich um die Feuerstellen versammelt. Rotwein fließt in Pappbecher, Bierkorken ploppen. Jemand spielt auf einer Gitarre Beatles-Songs. Ein paar Teenager liegen auf den Steinen und schauen in den Sternenhimmel. Der Mond, eine schlanke, liegende Sichel, sieht aus wie ein Grinsen, das fragt: „Na, überrascht?“ Ich bin es tatsächlich. Das Plateau ist auf jeden Fall viel zu friedlich, um mit einem unfreundlichen Ungeheuer zu tun zu haben. Klar: Die Chimäre ist – eine Chimäre, also nichts weiter als ein Hirngespinst. Und dieser magische Ort: Ist er wirklich?

Beim Frühstück am nächsten Morgen kommt mir der nächtliche Ausflug vor wie ein Traum. Auch während mein Blick durch den Garten des Hotels „Azur“ schweift, in dem Mangos, Maracujas und Guaven wachsen, bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich schon wach bin: So stelle ich mir den Garten Eden vor. Als das Frühstück mit Oliven, Tomaten und weißem Käse serviert wird, könnte ich mir dazu ein paar Orangen vom Baum pflücken, ohne vom Tisch aufzustehen. Ich solle unbedingt wandern, empfiehlt mir Ahmet Altintas, der das Hotel im Dorf Cirali betreibt. Der Lykische Fernwanderweg führt fast direkt am Grundstück vorbei.

In Fethiye, bekannt für seinen traumhaften Strand, der sich wie eine überdimensionierte Ferse ins türkisfarbene Wasser schiebt, beginnt er. In Antalya mit seiner verwunschenen, verwinkelten Altstadt endet er. 350 der insgesamt 509 Kilometer langen Route, die auf alten Handelswegen die antiken lykischen Städte verbindet, ist Ahmet schon gegangen, 500 Meter davon hat er sogar selbst entdeckt. Fantastische Trekkingtouren seien das, schwärmt er. Wo sonst genieße man beim Wandern schon Meeresblick und könne in Buchten Rast einlegen? Es ist mein zweiter Urlaubstag, und ich entscheide mich zunächst fürs Ausruhen am Strand und einen kurzen Spaziergang nach Olympos, bis ins zweite Jahrhundert vor Christi Geburt eine der bedeutendsten Städte Lykiens.

1 2
Seite 1 : Anatolien - Urlaub im Paradies
 
Schlagworte: