Darf man das? Knigge Verhaltensregeln

Unser kleiner Knigge lotst Sie augenzwinkernd durch kniffelige Situationen des Alltags.

Liegestuhl besetzen Knigge Verhaltensregeln © Nina Tiefenbach

Ist es okay, mit einem Handtuch einen öffentlichen Liegestuhl zu blockieren?

Zuerst mal: Mit so einem Territorialverhalten kommt man echt kleinkariert rüber. Entscheidender aber ist: Diese „Reservierung“ bringt nichts. Rechtlich zumindest gibt es keinen Anspruch auf eine Liege, nur weil man darauf persönliche Sachen wie Klamotten oder Handtücher deponiert. Dafür muss man ihn gemietet haben. Der Tipp für alle, die sich an den Pools dieser Welt regelmäßig ärgern: Sie stehen Stunden später auf als die Handtuch-Mafia, frühstücken gemächlich, schwimmen eine Runde – und stellen sich dann feinfühlig die Frage: „Darf ich eine Liege freiräumen?“ Antwort: Aber sicher!

Kann ich den Ex meiner Freundin daten?

Diese Frage lässt sich unmöglich pauschal beantworten. Wie gut ist die Freundschaft? Wie schmerzhaft war die Trennung? Trauert sie ihm noch nach? Hat er sich von ihr getrennt oder sie sich von ihm? Wie lange liegt das zurück? Haben Sie ihn über sie kennengelernt oder haben Sie die älteren Rechte auf ihn? Bevor Sie das jetzt alles auseinanderklamüsern: Wieso fragen Sie nicht ehrlich Ihre Freundin, wie sie die Sache sieht?

Politik interessiert mich nicht die Bohne! Logisch, dass ich nicht wählen gehe – oder?

Wer es nicht tut, darf sich später auch nicht über hohe Kita-Gebühren oder teures Benzin beschweren. Am besten, man behandelt die Politik wie einen Mann: kennenlernen und schauen, wie sich die Sache entwickelt. Vielleicht wird’s die große Liebe, vielleicht eine Affäre. Und sonst eben ein Bekannter, mit dem man einen gewissen Umgang pflegt, weil man ihm im Alltag eh nicht komplett aus dem Weg gehen kann.

Teure Kosmetik kaufen

Ist es vertretbar, für 200 Euro Kosmetik zu kaufen?

Und ist es gerecht, im reichen Europa geboren zu sein statt in Somalia? Natürlich nicht, es ist sogar fürchterlich ungerecht! Und darum sollten wir uns durchaus Gedanken machen, wie wir Menschen helfen können, denen es schlechter geht als uns. Verzicht kann eine Möglichkeit sein. Aber auch mit bewusstem Konsum können wir die Welt verbessern, indem wir zum Beispiel Produkte kaufen, für die weder Menschen ausgebeutet noch Tiere gequält und Wälder abgeholzt werden. Ob für 20, 200 oder 2000 Euro hängt dann allein davon ab, ob genug Geld übrig bleibt für Miete, Versicherungen, Katzenfutter und, klar, Schuhe.

Darf man der Freundin sagen, dass man sie gern trifft – nur bitte ohne ihr Kind?

Das sollten Sie sogar! Weil in einer echten Freundschaft die Bedürfnisse beider Seiten zum Zuge kom - men müssen – da zu gehört ein „Kindernachmittag“ genauso wie ein Kneipenabend ohne Nachwuchs. Und weil manche Mutter im Chaos zwischen Job, Mann und Kind bisweilen das Gespür dafür verliert, ob und wann ihre Freundschaften Schlagseite bekommen. Eine gute Freundin ist sogar dankbar für so einen Hinweis, versteht ihn als Beziehungspflege und nicht als Vorwurf – solange er nicht als einer formuliert ist.

Darf sich eine Frau von einem Mann teuer einladen lassen, ohne zu sagen, dass sie liiert ist?

Würden Sie umgekehrt wollen, dass ein Mann mit Ihnen ernsthaft flirtet, ohne zu erwähnen, dass er eine Beziehung hat? Fair Play gilt für beide Seiten! Die Fragen, hier wie da, lauten: Wann sagt man’s, und wie? Wenn Sie Ihr Gegenüber nicht plump vor den Kopf stoßen wollen, bestellen Sie als Aperitif vielsagend einen Cocktail, der „Flirtini“ oder „Illusion“ heißt – und bezahlen selbst.

Per Sms Schluss machen

Ist es heute erlaubt, per SMS Schluss zu machen?

Falls es sich um eine reine SMS-Beziehung handelt, ja! Falls der Mann darum gebettelt hat, weil er Masochist ist und ihn eine geringschätzige Behandlung anmacht, ja! Falls Sie Schauspielerin sind und das im Drehbuch steht – dann: ja. In allen anderen Fällen: nein, nein, nein.

Kann man NEIN sagen, wenn sich jemand im Restaurant mit an den Tisch setzen will?

Zum Wesen einer Bitte gehört, dass man ablehnen darf – das unterscheidet sie vom Befehl. Erfreut wird trotzdem niemand reagieren, wenn man mit einem schroffen „Auf gar keinen Fall!“ sein Revier verteidigt. Hilfreich kann stattdessen sein, mit tränenerstickter Stimme zu hauchen: „Gerne, meine Freundin und ich reden gerade über meine Trennung, da kann ich jeden Rat brauchen!“ Fragende werden sich eiligst einen anderen Platz suchen, falls es sich nicht um übereifrige Psychotherapeuten oder Seelsorger handelt. Aber: Warum nicht erst einmal optimistisch an die Sache herangehen? Eine neue Tischgesellschaft kann ja auch eine Bereicherung sein.

 
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Autor:
Elke Michel