Kolumne Amelie Fried Weihnachtsdeko und Lebensfrust

Zu viel Weihnachtsdekoration findet Amelie Fried nicht nur kitschig, sondern auch bedenklich

Weihnachtsdeko und Lebensfrust Weihnachtsdeko und Lebensfrust © Patrizier-Design-Fotolia

Natürlich ist es schön, in vorweihnachtlich geschmückte Wohnungen zu kommen. Viele Menschen – bevorzugt weiblichen Geschlechts – haben ja eine große Begabung im Schmücken und Dekorieren, und diese kommt besonders in der Weihnachtszeit zum Einsatz. Ich bewundere diese Fähigkeit, denn mir geht sie leider völlig ab – ein Kranz aus dem Blumenladen und drei Strohsterne am Fenster sind für mich schon eine gelungene Adventsdeko.

Ich beneide diese Frauen übrigens auch um die Zeit, die ihnen offenbar für die Herstellung von Sternen, Girlanden und Lebkuchenhäuschen, fürs Arrangieren von Stechpalmen- Mistel-Gebinden und das Vergolden von Zapfen zur Verfügung steht – ich habe sie nicht. Vielleicht nehme ich sie mir auch nur nicht. Inmitten dieses ganzen Gebastels und Gebimmels, umgeben von singenden Weihnachtsmännern und blinkenden Rentieren frage ich mich allerdings gelegentlich auch, was unter diesem ganzen Deko-Wahnsinn eigentlich begraben werden soll.

Ich glaube, viele dieser Extrem-Dekorateurinnen haben in Wahrheit gar keine Lust auf Weihnachten. Es graust ihnen vor den sinnentleerten Ritualen, dem entfesselten Wettschenken, dem Familien- und Kochstress, den zu hohen Erwartungen, die eigentlich nur enttäuscht werden können. Vielleicht würden sie viel lieber endlich ihre familiären Probleme lösen, als immerzu die heile Fassade aufrechtzuerhalten. Und um ihre Zweifel und Traurigkeit zu kompensieren, dekorieren sie, was das Zeug hält.

Ich möchte sogar noch weiter gehen und folgende These aufstellen: Je Deko, desto Frust. Anders gesagt: Je üppiger eine Behausung dekoriert ist, desto eher ist Feuer unterm Dach. Ich vermute, dass die harmlosen Hobby-Dekorateurinnen unter Ihnen mich jetzt gern mit Tannenzapfen bewerfen würden. Sie meine ich aber gar nicht. Ich meine Frauen, die längst spüren, dass etwas in ihrem Leben schiefläuft, es sich aber nicht eingestehen wollen. Die glauben, wenn sie ein schönes Heim schaffen, verschwinden dahinter die Probleme mit Mann, Job oder Einsamkeit. Die ihre Dekoration einsetzen wie Grabschmuck – um das Schreckliche zu überdecken. Nicht umsonst heißt es: Zeige mir deine Wohnung, und ich sage dir, wer du bist. Wer die Realität bis zur Unkenntlichkeit überschmücken muss, ist vermutlich nicht glücklich. Ich wünsche Ihnen, dass Sie es sind oder werden. Und die Weihnachtszeit von Herzen genießen können – ohne Deko-Wahnsinn!