Kolumne Amelie Fried Und das in deinem Alter!

Amelie Fried fragt sich, wann das „gewisse Alter“ beginnt, ab dem bestimmte Dinge nicht mehr gehen.

Und das in deinem Alter! Und das in deinem Alter! © Imaginis-Fotolia

Neulich las ich in einem Artikel über mich, ich sei eine „erfreulich jugendlich wirkende 50- Jährige“. Na, vielen Dank! Was hatte der Kollege denn erwartet? Dass ich mit Stützstrümpfen und Gesundheitsschuhen zum Interview komme? Früher wäre das der Aufzug einer 50- Jährigen gewesen; heute darf ich zum Glück in Jeans und T-Shirt rumlaufen, ohne dass es als peinlich gilt. Trotzdem werde ich den Verdacht nicht los, dass es in meinem Alter No-Gos gibt, von denen ich noch nichts weiß. Darf ich etwa noch hemmungslos für einen Schauspieler schwärmen, oder ist das Teenie- Kram? Darf ich eine bestimmte Musik gut finden, ohne mich dem Verdacht auszusetzen, ich wolle mich bei meinen Kindern anbiedern?

Und wie sieht es mit ärmellosen Kleidern, tiefen Ausschnitten und Bikinis aus? Haben wir nicht gelernt, ab einem gewissen Alter müsse man altersgerechte Kleidung tragen? Und ein entsprechendes Verhalten an den Tag legen? Also: nicht mehr sinnlos rumalbern, nicht mehr laut „Scheiße“ sagen. Kann mir mal einer verraten, wann dieses „gewisse Alter“ beginnt? Und warum ist ab einem gewissen Alter das Alter überhaupt ständig Thema, entweder als anerkennendes „Für dein Alter (… siehst du ja noch ganz gut aus)“ oder als vorwurfsvolles „In deinem Alter (… solltest du aber nicht mehr dieses oder jenes tun)“?

Das Problem beim Älterwerden ist, dass es einem selbst nicht auffällt. Die meisten Menschen fühlen sich deutlich jünger, als sie sind. So klaffen Selbstbild und Fremdwahrnehmung gelegentlich auseinander, und ein Sechzigjähriger in Lederjacke und Cowboystiefeln stößt erst mal auf Befremden. Ebenso ältere Frauen mit langem Haar, für die der Volksmund den bösen Spruch „Von hinten Lyzeum, von vorn Museum“ parat hält. Wenn der Look nicht zum Alter passt, oder besser: zu unseren Erwartungen vom Alter, sind wir irritiert. Die Frage ist, ob wir das einfach hinnehmen wollen. Oder ob wir für uns beschließen, dass Würde nichts mit Konventionen zu tun hat, sondern mit Individualität.

Sehen wir uns die Musiker unserer Jugend an: Mick Jagger, Neil Young oder Tina Turner. Die sehen nicht gerade wie Rentner auf Butterfahrt aus, obwohl sie in dem Alter sind, wo sie von Amts wegen beigefarbene Windjacken und Popeline- Hütchen tragen müssten. Stattdessen toben sie auf der Bühne herum und lassen uns ihr Alter ebenso vergessen wie unseres. Warum nehmen wir uns nicht die zum Vorbild und pfeifen einfach auf das sogenannte „gewisse Alter“?


 
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Amelie Fried