Umwelt schonen

Leben ohne Plastik - geht das?

Die Österreicherin Sandra Krautwaschl sah 2009 den Film „Plastic Planet“ und beschloss daraufhin mit ihrer Familie, den Plastikkonsum zu reduzieren. Das hat FÜR SIE-Redakteurin Sabine Vincenz neugierig gemacht. Leben ohne Plastik geht das überhaupt?

Plastik Leben ohne Plastik - geht das? © Jupiterimages, iStockphoto/Thinkstock

Eines Tages landete ein Buch auf meinem Schreibtisch. Auf dem Cover war eine Familie zu sehen, die – so schien es – ihr komplettes Hab und Gut auf den Rasen gestellt hatte. Der Titel: „Plastikfreie Zone. Wie meine Familie es schafft, fast ohne Kunststoff zu leben“. Was steckte dahinter? Ich las den Klappentext: „Schockiert über die Auswirkungen, die die gigantischen Plastikmengen auf Gesundheit und Natur haben, beschließt Sandra Krautwaschl mit ihrem Mann und drei Kindern, ohne Plastik zu leben.

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Gar nicht so einfach: Was tun, wenn man sich weiter die Zähne putzen, telefonieren und sich der Sohn ganz sicher nicht von seiner Plastik-Ritterburg trennen will?“ Hm. Über Plastik als giftigen Müll hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Klar, meine Getränke hole ich lieber in recycelbaren PET- als in schweren Glasflaschen.  Die Verpackungen meiner Einkäufe entsorge ich im gelben Sack. Wo ist das Problem? Und wieso reagiert eine ganze Familie so extrem auf einen Stoff, dessen Erfindung als eine der größten Errungenschaften der modernen Zivilisation gilt? Ich wollte diese merkwürdige Familie kennenlernen.

Plastik überlebt 25 000 Jahre

Als ich an der Bushaltestelle Rein der Gemeinde Eisbach in der Steiermark auf Sandra Krautwaschl warte, fällt mir eine Anzeige ins Auge. Unter dem Rubrum „Müll vermeiden“ ist zu lesen, wie lange eine Plastikflasche in der Natur „überleben“ kann. 25 000 Jahre! In diesem Moment fährt Sandra Krautwaschl um die Ecke. Eine lebhafte und sympathische Frau, die den Wagen flott und sicher über die verschneiten Landstraßen lenkt, hin zu ihrem „Heim ohne Plastik“. Schon auf dem kurzen Weg erfahre ich, dass das, was im Oktober 2009 als Experiment für einen Monat startete, inzwischen zu einer festen Gewohnheit geworden ist. „Wir haben uns auf einen halben gelben Sack Plastikmüll im Jahr heruntergeschraubt. Wahnsinn, oder?!“ Ich muss schlucken. Meiner ist alle zwei Wochen prall gefüllt. Als könne sie meine Gedanken erraten, sagt sie lachend: „Nun machen Sie sich keinen Kopf. Es geht hier nicht um gut oder böse, richtig oder falsch. Wir wollten einfach herausfinden, ob es möglich ist. Haben Sie Hunger? Ich wollte uns eine Pizza bestellen.“

Als wir in der geräumigen Küche Platz nehmen, mustere ich verstohlen die Umgebung. Schraubgläser, Stofftaschen, Glasflaschen, Körbe. Alles normal. Okay, denke ich mir. Hier ersetzt die Stofftasche die Plastiktüte und die Glasflasche den Tetrapak. Das könnte ich auch. Aber wie geht es weiter? Angefangen bei plastikverschweißten Lebensmitteln bis zu Zahnpastatuben mit ihren Schraubverschlüssen aus Kunsttoff? Und warum das Ganze? „Weil ich ein neugieriger Mensch bin. Und weil ich schon als Kind jedes Bonbonpapier, das im Wald herumlag, aufheben musste“, erzählt sie mit einem Grinsen.

„Als ich 2009 den Dokumentarfilm ,Plastic Planet‘ sah, war ich geschockt, wie haltbar Plastikmüll ist und wie abhängig wir alle von dem Zeug sind.“ Dabei er- fuhr sie, dass wir Plastik sogar im Blut haben. Der Inhaltsstoff Bisphenol Asteckt in Autoteilen, Baustoffen, CDs, Zahnfüllungen, Lebensmittelverpackungen und Babyfläschchen. Als Müll entweicht er in die Umwelt, gelangt ins Grundwasser und in den Hausstaub. Und irgendwann auch in unser Blut. Mit gesundheitsschädigender Wirkung, deren ganzes Ausmaß sich wohl erst in den nächsten Generationen zeigen wird. „Das hat mich wütend gemacht. Und ich dachte mir, das muss doch auch anders gehen.“ Als die Krautwaschls ihr Experiment starteten, gab es nur eine Bedingung: Wenn es in Stress ausartet, brechen wir ab. Die Sache soll Spaß machen!

 

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Autor:
Sabine Vincenz