Kolumne Amelie Fried So viele Freunde – so wenig Zeit!

Mit dem Alter wird Lebenszeit kostbarer, findet Amelie Fried. Aber wo sollen wir welche einsparen?

Freundinnen So viele Freunde – so wenig Zeit! © digitalskillet - iStockphoto

Freundschaften wachsen von Jahr zu Jahr

Das Schöne am Älterwerden ist, dass man nicht nur mehr Zipperlein hat, sondern auch immer mehr Freunde. Im Laufe der Jahre sammeln sie sich an, aus jeder Lebensphase bleiben ein paar hängen, und so wird es bei runden Geburtstagen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt voller.

Nun kann man Freunde ja nicht nur alle zehn Jahre einmal abfeiern, man will sie ja auch zwischendurch öfter mal sehen. Und so kommt im Leben der meisten Menschen ein Punkt, an dem sie mehr Freunde als Zeit haben. Spätestens dann sollte man um jeden Preis vermeiden, neue Leute kennenzulernen.

Auf Partys sollte man nur noch mit Personen reden, die man ohnehin schon kennt. Denn wenn man neue Bekanntschaften schließt, kommt unweigerlich der Moment, in dem man zum Abendessen eingeladen wird. Dann ist man zur Gegeneinladung verpflichtet. Und schon hat man wieder Grund für ein schlechtes Gewissen. Ich habe eigentlich permanent ein schlechtes Gewissen, weil so viele Leute auf meine Gegeneinladung warten. Dabei mag ich die meisten von ihnen, sie sind nett und sympathisch und ich hätte sie gern als Freunde, aber ich habe in meinem Leben schon viel zu wenig Zeit für meine alten Freunde, wie soll ich denn da noch neue unterbringen?

Die Anti-Facebook-Freunde-Bewegung

Meinen Mann beschäftigen diese Fragen offenbar nicht. In den letzten Tagen hat er 167 neue Freunde gewonnen, darunter Claudia Roth und Sigmar Gabriel. Die hat er zwar in seinem Leben noch nie persönlich getroffen, aber wen juckt das schon in einer Zeit, in der die Anzahl der Facebook-Freunde – nach der Anzahl der Google-Einträge zum eigenen Namen – das wichtigste Statussymbol überhaupt geworden ist? Da nimmt man, was man kriegen kann.

Hiermit schwöre ich einen heiligen Eid: Nie, niemals werde ich mir ein Facebook- Profil anlegen. Allein bei dem Gedanken, plötzlich 167 neue Freunde zu haben, kriege ich Schweißausbrüche. Was mache ich, wenn die anfangen, mich zum Abendessen einzuladen? Die erste Hälfte des Jahres würde ich die Einladungen abarbeiten, die zweite Hälfte des Jahres versuchen, die Gegeneinladungen zu organisieren. Ich müsste meinen Beruf aufgeben und hauptberuflich Einladungen annehmen und aussprechen. Ich könnte keine Reise mehr machen, kein Buch mehr lesen, in keinen Kinofilm mehr gehen, und das Schlimmste: Ich würde meine echten Freunde nicht mehr sehen! Nichts gegen Claudia Roth und Sigmar Gabriel, aber da hört die Freundschaft auf!

 
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Amelie Fried