Kolumne Amelie Fried

Schwarzseher und Schönfärber

Einer ist Skeptiker, der andere Optimist. Laut Amelie Fried ist dies schwierig, wenn beide verheiratet sind.

Schwarzseher und Schönfärber

Prinzipiell rechne ich mit dem Schlimmsten. Das Gute daran ist, dass ich meistens positiv überrascht werde. Schon wenn ich morgens erwache und feststelle, dass die Welt sich noch dreht, ich am Leben und nicht halbseitig gelähmt oder erblindet bin, fühle ich mich freudig überrascht. Wenn tagsüber weder das Haus einstürzt noch ein Krieg ausbricht oder die Katze überfahren wird, steigert sich meine Freude unaufhaltsam. Spätestens abends, wenn kein Anruf der Schule eingegangen ist, dass meine Kinder beim Koksen erwischt wurden, und mein Mann zu meiner Überraschung auch noch da ist, halte ich mich für einen absoluten Glückspilz. Ich finde, ich bin ein sehr positiver Mensch, mit dem man gut zusammenleben kann.

Mein Mann findet allerdings, ich bin die schlimmste Schwarzseherin auf Erden, und droht regelmäßig damit, mich zu verlassen. Er bezeichnet meine Lebenseinstellung als Pessimismus, ich als Realismus. Tatsächlich bin ich so überzeugt, dass es schlimm kommen, sich verschlechtern und schließlich böse enden wird, dass ich all meine düsteren Voraussagen bezüglich der Zukunft für absolut realistisch halte. Was ist denn schwarzseherisch, wenn ich einfach nur beschreibe, wie es aller Wahrscheinlichkeit nach kommen wird?

Mein Mann glaubt daran, dass unsere Gedanken Einfluss auf das haben, was geschieht. Dass die Dinge sich gut entwickeln, wenn wir daran glauben, dass sie das tun. Ich hingegen glaube, dass schiefgehen wird, was schiefgehen kann, und sich die Dinge ansonsten entwickeln, ohne Rücksicht auf uns und unsere Gedanken zu nehmen. Natürlich heißt das nicht, dass ich als Realistin die Hände in den Schoß legen und entspannt den nächsten Schicksalsschlag abwarten kann. Ich kann schon einiges dafür tun, dass etwas schiefgeht. Ich muss meiner Tochter nur lange genug einreden, dass sie unbegabt für Mathematik ist – irgendwann steht sie auf einer Sechs. Oder mir selbst immer wieder vorsagen, dass ich mit dieser Kollegin einfach nicht zusammenarbeiten kann – irgendwann wird’s zum Knall kommen. Das Tolle ist: Auf die Weise behalte ich meistens recht! Aber Moment mal, wenn das in die negative Richtung funktioniert, müsste es ja in die positive auch funktionieren. Das würde bedeuten, mein Mann hat recht? Nein, das kann nicht sein. Wann hat man jemals davon gehört, dass ein Mann recht hatte?

Autor:
Amelie Fried