Kolumne Amelie Fried Schadenfreude

Schadenfreude ist die schönste Freude? Amelie Fried kann das nicht bestätigen

Schadenfreude © Stockphoto4u - iStockphoto

Kennen Sie diese Typen? Diese Nachbarn, Vermieter oder Chefs, die einem das Leben zur Hölle machen mit ihren ständigen Gemeinheiten, bis ein Hass in einem wächst, über den man selbst erschrickt? Die einen so quälen, dass man den Kerlen aus lauter Verzweiflung nur noch die Pest an den Hals wünscht? Ich hatte in meinem Leben mit einigen von ihnen zu tun. Mit einem Mitbewohner, der mich so lange schikanierte, bis ich entnervt das Weite suchte und er sich über die von mir frisch renovierte Wohnung freuen konnte.

Mit einem Nachbarn, der mich und meine Familie jahrelang terrorisierte, bis er endlich wegzog. Mit einem Vorgesetzten, der mir immer wieder zu verstehen gab, dass er mich eigentlich liebend gern loshätte, aber nicht weiß, wie er es anstellen soll.

Am schlimmsten war ein Hausbesitzer, von dem ich vor Jahren eine Wohnung gemietet hatte. Er gehörte zu der Sorte, die keine Gelegenheit zum Streit auslassen, Leute systematisch gegeneinander aufhetzen, blockwartmäßig alles kontrollieren und friedliche Mitbürger in langwierige, teure Gerichtsprozesse zwingen – der klassische Querulant eben. Dieser Menschentyp löst in mir einen Widerwillen aus, den ich kaum in Worte fassen kann. Mehr als einmal habe ich mich in wilde Fantasien von gedungenen Schlägertrupps, raffiniert gespannten Stolperdrähten und schrecklichen Krankheiten hineingesteigert, die den Quälgeist treffen sollten. Nun habe ich erfahren, dass der Mann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Er wird nie mehr jemanden terrorisieren. Sollte ich jetzt nicht froh sein? Meine Fantasien sind Wirklichkeit geworden, es hat – wenn man so will – den Richtigen getroffen.

Aber ich fühle nichts dergleichen. Keine Genugtuung, keine Schadenfreude. Nur ein seltsames Gefühl, eine Mischung aus Schreck und einem vagen Schuldbewusstsein – war ich es nicht, die ihm alles Schlechte gewünscht hat? Vor allem aber fühle ich Bedauern, dass dieser Mensch nun nicht mehr zur Vernunft kommen kann.

Denn das ist es doch, was wir uns in Wahrheit wünschen: dass die garstigen Mitmenschen irgendwann einsehen, wie viel angenehmer das Zusammenleben ist, wenn man sich freundlich und respektvoll begegnet. Dass falsch abgestellte Fahrräder oder Kinderwagen im Treppenhaus lächerliche Bagatellen sind, über die das Streiten nicht lohnt. Muss immer erst ein Unglück passieren, damit wir uns daran erinnern?

 
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Amelie Fried