Kolumne Amelie Fried Sätze, die man nicht mehr hören kann

Bitte keine Plattitüden! Amelie Fried über Sprüche, die einem ziemlich auf die Nerven gehen können

Sätze, die man nicht mehr hören kann Sätze, die man nicht mehr hören kann © Klaus Eppele-Fotolia

Kennen Sie diese Sprüche, die einem die Nackenhaare hochtreiben? Einer davon lautet: „Nehmen Sie doch noch ein zweites Stück Torte – Sie können sich’s schließlich leisten!“ Damit das ein für alle Mal klar ist: Leisten kann ich mir das zweite Stück Torte nur, weil ich es NICHT esse. Hätte ich es jedes Mal gegessen, wenn mich jemand dazu aufgefordert hat, wäre ich 20 Kilo schwerer.

„Haben Sie’s nicht kleiner?“ Nein, verdammt. Wenn ich’s kleiner hätte, würd ich ja nicht mit einem Schein bezahlen. „Da kann ich Ihnen leider nicht helfen, aber ich verbinde Sie gern weiter.“ Wenn ich das schon höre! Dann weiß ich, dass ich die nächste Stunde in einer musikalischen Warteschleife hänge, regelmäßig unterbrochen vom nächsten Satzden- ich-nicht-mehr-hören-will: „Wir bitten um etwas Geduld, der nächste freie Mitarbeiter ist gleich für Sie da.“ Nach 15 Minuten gebe ich entnervt auf, wähle erneut die Nummer der Zentrale und erreiche wieder jemanden, der mich weiterverbinden will. An diesem Punkt werfe ich das Gerät, dessen technisches Problem ich mittels Anruf bei der Hotline lösen wollte, aus dem Fenster.

Meine Lieblings-Hass-Formulierung ist: „Wir sind gut aufgestellt.“ Wo denn bloß? Auf dem Schachbrett? Im Feld?

Mehrmals täglich höre ich den Satz: Du, Mama, ich muss dich mal was fragen.“ Gespannt warte ich, was meine Kinder von mir wissen wollen. Von mir, ihrer Mutter, die so viel Lebenserfahrung hat, so viel weiß und ihnen sagen könnte, wer das Libretto zur „Zauberflöte“ geschrieben hat, was der kategorische Imperativ ist oder wie man einen Marmorkuchen backt. Meistens fragen sie: „Könntest du mir ein bisschen Geld leihen?“

Unsere Umgangssprache unterliegt gewissen Moden, die einem ziemlich auf die Nerven gehen können. Meine Lieblings- Hass-Formulierung ist: „Wir sind gut aufgestellt.“ Vorstandsvorsitzende, Politiker, Fernsehredakteure, ja sogar der Bäcker an der Ecke: Alle sind plötzlich „gut aufgestellt“. Wo denn bloß? Auf dem Schachbrett? Im Feld? Und wofür? Um in die Schlacht zu ziehen? Mein jüngster Nackenhaarsträuber heißt: „am Ende des Tages“. Das heißt nichts anderes als „unter dem Strich“, klingt aber viel bedeutungsvoller. Dabei passiert am Ende des Tages nur eines: Es wird dunkel und wir gehen ins Bett. Da müssen wir dann zum Glück auch nicht mehr diesen Leuten zuhören, die statt ja“ nur noch „okaaay?“ sagen. Schließlich habe ich noch meine Tochter gefragt, welcher Satz sie am meisten nervt. Sie verdrehte die Augen und sagte: „Du bist aber groß geworden!“ Das immerhin sagt keiner mehr zu mir!

 
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