Kolumne Amelie Fried Reste essen

Amelie Fried stellt fest, dass Erziehung tatsächlich etwas bewirkt – allerdings nur bei ihr.

Reste essen © Jesper Elgaard - iStockphoto

Wenn Sie meine Kolumne schon länger lesen, haben Sie bemerkt, das ich nicht frei von gewissen Ticks bin. Ich kann etwa manche Dinge nicht wegwerfen, egal wie viel davon sich im Haus ansammelt. Bei Schachteln, Büchern oder Schuhen ist das nur ein Platzproblem (wenn auch ein erhebliches). Leider kann ich aber auch keine Lebensmittel wegwerfen. Das führt dazu, dass sich in meinem Vorratsschrank längst abgelaufene Konservendosen, uralte Marmeladen und sogar Gewürze aus meiner Studentenzeit, den frühen 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, finden. Ich bringe es einfach nicht fertig, sie zu entsorgen, ebenso wenig wie ich Essensreste wegwerfen kann.

Sorgsam bewahre ich noch den letzten Löffel Suppe, ein einzelnes Fleischklößchen oder ein paar Nudeln auf. Wenn niemand sich der Reste erbarmt, koche ich ein neues Gericht,in das ich die Reste einarbeite – worauf auch hier wieder ein Rest bleibt, der aufgehoben oder in ein neues Gericht eingearbeitet werden muss. An dieser Macke ist natürlich – wie an allen anderen – meine Mutter schuld.Wenn ich als Kind mein angebissenes Schulbrot wieder nach Hause brachte, hielt sie mir einen Vortrag über die armen Kinder von Biafra, die froh wären, wenn sie überhaupt etwas zu essen hätten. Obwohl ich nicht verstand, was die armen Kinder von Biafra davon hatten, wenn ich mein Brot auf aß, machte mir das solche Schuldgefühle, dass ich den Stullenrest zum Abendessen verzehrte.

Leider sind meine Kinder völlig frei von derartigen Schuldgefühlen, was dazu führt, dass seit Jahren ICH ihre angebissenen Schulbrote aufesse. Als sie klein waren, aß ich die Reste vom Babybrei, als sie größer wurden, die Reste von Nudeln und Kartoffelpüree, inzwischen esse ich ihre Hamburger- und Pommesreste, und wenn wir im Restaurant sind, würde ich am liebsten die Reste sämtlicher Gäste aufessen, weil ich den Gedanken nicht ertrage, dass alles im Müll landet, während Kinder in Afrika und anderswo hungern. Während eines Amerika-Aufenthaltes lernte ich die schöne Sitte des „Doggybags“ kennen: Man bittet den Kellner, die Essensreste einzupacken – angeblich für den Hund.

Zurück in Deutschland, bat ich beim nächsten Restaurantbesuch um etwas Alufolie, um zwei übrig gebliebene Semmelknödel und ein Stück Braten einzupacken. „Für unseren Bello“, erklärte ich. Die Bedienung unseres bayerischen Dorfgasthof es stemmte die Hände in die Hüften und stellte lautstark fest: „Ihr habt’s doch gar keinen Hund!“  

 
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Amelie Fried