Kolumne von Amelie Fried Ohne Wünsche, ohne Antrieb

Das Leben genießen – was heißt das eigentlich? Amelie Fried wundert sich über manche Menschen.

Relaxen Ohne Wünsche, ohne Antrieb © http://deutsch.istockphoto.com/stock-photo-6121440-meadow.php?st=22f3cc3

In meinem letzten Urlaub kam ich mit einem Mann ins Gespräch. Er war Anfang vierzig, und auf meine Frage, was er beruflich mache, sagte er: „Nichts.“ „Nichts?“, fragte ich ungläubig, weil er nicht gerade aussah wie ein Millionenerbe. „Und wovon leben Sie?“ Er sagte, er sei Bankkaufmann gewesen, habe sich mit dreißig ausgerechnet, wie hoch seine Abfindung sein müsste, damit er bis zur Rente tausend Euro monatlich zur Verfügung hätte, und vor zwei Jahren habe er sich so lange krankschreiben lassen, bis sein Arbeitgeber ihm ein entsprechendes Angebot gemacht habe. Ich fragte ihn, was er denn jetzt den ganzen Tag mache. Lange schlafen, sagte er, in Ruhe frühstücken, und die Zeitung lesen, in die Stadt gehen, im Café sitzen, zu Abend essen, fernsehen, früh ins Bett gehen.

„Und was ist daran toll?“, wollte ich wissen. „Dass ich mein Leben genieße.“ Ob ihm denn nicht langweilig sei? Er überlegte. „Bisher nicht, aber gerade hat mich meine Frau verlassen. Jetzt könnte es ein bisschen langweilig werden.“ Welche Gründe seine Frau zur Trennung bewogen haben könnten? Schulterzucken. Keine Ahnung.

Ich konnte es einfach nicht fassen. Hatte dieser Mann tatsächlich nicht verstanden, dass das Leben mehr ist als reines Überleben? Dass wir Menschen Herausforderungen und Anerkennung brauchen und das Gefühl, zu etwas nütze zu sein? Dass wir Dinge genießen, weil sie etwas Besonderes sind – und am Nichts-Tun nichts Besonderes mehr ist, wenn der Alltag aus Nichts-Tun besteht?

Und vor allem: Konnte er sich wirklich nicht vorstellen, dass wir Frauen uns Männer wünschen, auf die wir stolz sein können? Männer, die Herausforderungen annehmen und etwas auf die Beine stellen? Die interessante Gesprächspartner sind, weil sie ein interessantes Leben führen und nicht mit vierzig schon ein ödes Rentnerdasein fristen?

Ich fragte ihn, wovon er als Kind geträumt habe. Ob er Lokführer werden wollte, Astronaut oder Fußballprofi. Nein, von so was habe er nie geträumt. Ob es irgendetwas gäbe, bei dem sein Herz höher schlüge, etwas, das er leidenschaftlich gern mache? Ja, sagte er, wenn er mit seinen Neffen und Nichten zusammen sein könne, das mache ihn glücklich.

Meine küchenpsychologische Diagnose lautete: Der Mann solle sich schleunigst eine neue Frau suchen und Vater werden. Er könnte ja dann zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern. Aber: Möchte man ernsthaft, dass solche Langweiler sich fortpflanzen???

 
Schlagworte:
Autor:
Amelie Fried