Kolumne von Amelie Fried Neuartige Schlafstörungen

Amelie Fried stellt besorgt fest, dass sie eine neuartige Schlafstörung entwickelt hat

Schlafstörungen Neuartige Schlafstörungen © iStockphoto - Wojciech Krusinski

Tatsächlich gehöre ich zu den Menschen, die überall schlafen können. Ich schlafe im Zug ein, sobald er den Bahnhof verlässt. Ich schlafe in den unmöglichsten Positionen im Auto oder im Bus. Je rasanter die Fahrt, desto besser schlafe ich (hier handelt es sich vermutlich um eine Form des Flucht-Schlafes). Nur im Bett schlafe ich leider nicht. Das ist ein bisschen lästig, denn die meisten Nächte verbringt der Mensch nun mal im Bett.

Eine Analyse meiner Schlafstörung ergibt, dass ich am besten einschlafe, wenn um mich her möglichst viel los ist. Am liebsten ist mir das Gebrummel und Gebrabbel menschlicher Stimmen, das macht mich herrlich müde. Deshalb schlafe ich auch regelmäßig vor dem Fernseher ein. Auf Partys kämpfe ich gegen die Versuchung an, mich ins Schlafzimmer der Gastgeber zu schleichen und es mir zwischen all den abgelegten Mänteln auf dem Bett gemütlich zu machen. Ich würde mich durchaus auch im Wohnzimmer auf dem Sofa zusammenrollen, wenn ich nicht fürchten müsste, die anderen Gäste könnten das seltsam finden (von den Gastgebern ganz zu schweigen).

Es ist ganz offensichtlich: Ich bin eine Gesellschaftsschläferin. Nun sollte man annehmen, dass die Gesellschaft eines Ehemannes ausreicht, einen in Tiefschlaf zu versetzen, aber das ist nicht der Fall: Das heroische Ansägen meines Mannes gegen die nächtliche Stille vertreibt nicht nur die wilden Tiere, sondern häufig auch mich. Manchmal bitte ich ihn, mir was vorzulesen, in der Hoffnung, vor ihm einzuschlafen und sein Schnarchen nicht mehr zu hören. Bereitwillig liest er, ist aber beleidigt, wenn ich anfange zu gähnen. Macht nichts: Ein von einer sonoren, männlichen Stimme vorgetragenes Hörbuch tut es auch – meist dauert es nicht lange und ich bin weg. Seit drei Jahren höre ich „Schnee, der auf Zedern fällt“. Ich bin erst bei CD 2 angekommen und weiß noch immer nicht recht, worum es geht. Mein Mann meinte neulich, er würde gern mal ein anderes Hörbuch hören. Ehrlich gesagt mache ich mir Sorgen, wo mich diese Schlafstörung noch hinführen wird. Womöglich wird es schlimmer und ich kann bald nur noch inmitten von Menschenmengen einschlafen. Dann muss ich in Großmarkthallen und auf Bahnhöfen übernachten.

Falls Sie mich also demnächst irgendwo rumliegen sehen, auf dem Evangelischen Kirchentag, dem Oktoberfest oder vielleicht beim Rolling Stones-Konzert – wundern Sie sich nicht. Und bitte: Lassen Sie mich schlafen!

 
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Amelie Fried