Kolumne Amelie Fried Meine Feindin, die Kampf-Shopperin

Amelie Fried fragt sich, wer ihr beim Einkaufen immer alle schönen Stücke vor der Nase wegschnappt.

Shopping-Tüten Meine Feindin, die Kampf-Shopperin © Suprijono Suharjoto-Fotolia

Früher wohnte mal eine Frau in meinem Schrank, die sich über alle meine Fehlkäufe freute. Zu knapp geschnittene Kleider, Pullover in der falschen Farbe, zu hohe Schuhe, zu enge Jeans – ihr passte alles, sie nahm es gern.

Inzwischen ist sie frustriert ausgezogen, denn ich bin so geschmackssicher geworden, dass es mir gelingt, Fehlkäufe fast völlig zu vermeiden. Leider gelingt es mir nicht mehr, überhaupt noch irgendwas zu kaufen. Wann immer ich in einem Geschäft etwas entdecke, das mir gefällt – ein buntes Sommerkleid, einen Trenchcoat, ein T-Shirt in genau dem Lila, nach dem ich schon wochenlang suche –, es fehlt die Größe 38. In allen anderen Größen gibt es meist mehrere Exemplare, in meiner Größe kein einziges. Jedes Mal sagt eine Verkäuferin zu mir: „Heute morgen hatten wir das Kleid noch in 38, das muss jemand gerade vorhin gekauft haben.“ Und ich weiß auch, wer. Es ist die Frau aus meinem Schrank, die sich an mir rächen will. Täglich durchkämmt sie die Geschäfte der Stadt und nimmt alles an sich, von dem sie weiß, dass es mir passen und gefallen würde (und natürlich kennt sie meinen Geschmack so gut wie niemand sonst). Vielleicht kauft sie die Sachen nicht mal, sondern versteckt sie nur. Auf jeden Fall sorgt sie dafür, dass ich nichts Passendes mehr finde.

Neulich hoffte ich, sie austricksen zu können: Ich ging in einer anderen Stadt shoppen. Und was soll ich Ihnen sagen: wieder dasselbe. Ich entdeckte eine Bluse, die wie für mich gemacht war: meine Lieblingsfarben, ein perfekter Schnitt. Ich wollte, nein, ich musste sie haben. Aber: Es gab sie nur noch in 36. Die Verkäuferin tröstete: „Heute morgen war sie noch in 38 da, die muss jemand gerade vorhin gekauft haben.“ Mit geballten Fäusten und knurrend vor Wut sah ich mich um. Irgendwo musste sie doch stecken, diese Frau!

Diese gemeine Kampf-Shopperin, die mir sogar in fremde Städte folgte, um mir jeden Einkauf zu vergällen. Und plötzlich sah ich sie: Sie hatte sich vervielfacht und mich von allen Seiten umzingelt. Da drüben, die Blonde mit dem bunten Sommerkleid. Oder die Dunkle in dem Trenchcoat, der mir so gefallen hat. Die in dem lila T-Shirt. Zu meinem Entsetzen begriff ich: Es war nicht e i n e Frau, die sich zum Ziel gesetzt hatte, mir jedes schöne Teil in meiner Größe wegzuschnappen – es waren Hunderttausende! Liest man nicht überall, die Deutschen würden immer fetter? Wie können dann so viele Frauen Größe 38 haben? Und wie schaffe ich es, sie alle vom Shoppen abzuhalten?

 
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Autor:
Amelie Fried