Kolumne Amelie Fried

Man wird ja mal fragen dürfen

Manchmal staunt Amelie Fried, warum wir so vieles einfach hinnehmen, obwohl es völlig unsinnig ist

Man wird ja mal fragen dürfen

Als Kind wollte ich alles wissen und verstehen, deshalb stellte ich Fragen: Warum sind Onkel Rolf und Tante Tine verheiratet, obwohl sie sich nicht leiden können? Warum muss Papa nie beim Tischabräumen helfen? Warum sind die Leute in der DDR eingesperrt, wenn es da so toll ist? Warum heißen Leute, die für andere arbeiten – also ihre Arbeit geben –, nicht Arbeitgeber, sondern Arbeitnehmer (und umgekehrt)? Und warum verdienen manche Leute das Tausendfache von dem, was andere verdienen, obwohl niemand tausendmal mehr arbeiten oder tausendmal klüger sein kann als andere?

Zum Erwachsenwerden gehört offenbar, dass man aufhört, solche Fragen zu stellen. Nicht, weil man Antworten gefunden hätte. Sondern weil es unausgesprochene Verabredungen in der Gesellschaft gibt, bestimmte Dinge nicht infrage zu stellen. Wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern ignoriert man das Offensichtliche, weil alle anderen es auch tun.

Seit der sogenannten „Finanzkrise“ hat sich das verändert. Es werden wieder Fragen gestellt. Warum plötzlich Milliarden für die Rettung maroder Banken da sind, aber nie genug Geld für Bildung und Kinderbetreuung. Warum ausgerechnet jene Manager mit fetten Zulagen belohnt werden, die den Karren in den Dreck gefahren haben. Und warum am Ende wir alle für die Fehler von anderen blechen müssen. Aber wir müssen auch ein paar unangenehme Fragen an uns selbst richten: Warum haben wir uns von Bankberatern irgendwelches Zeug aufschwatzen lassen, das niemand versteht – nicht mal die Bankberater selbst? Warum haben wir geglaubt, das Geld würde an der Börse einfach immer mehr werden, ganz von alleine, wie im Märchen?

Insgeheim müssen wir uns eingestehen, dass wir von dem ganzen Schlamassel nicht wirklich überrascht sind. Es ist eigentlich nur das eingetreten, was man mit gesundem Menschenverstand hätte voraussehen können und was wir irgendwie immer geahnt, aber erfolgreich verdrängt haben. Nun wollen wir retten, was zu retten ist, und greifen nach dem letzten Strohhalm: der Abwrackprämie. Und wieder vernebelt die Gier uns den Verstand – tagtäglich werden jede Menge Autos verschrottet, die viel mehr wert gewesen wären als die 2500 Euro vom Staat. Manchmal würde es reichen, die einfachen Kinderfragen zu stellen, um herauszufinden, dass mit einer Sache etwas nicht stimmt. Leider haben wir Erwachsenen diese Fähigkeit verlernt