Kolumne Amelie Fried Kontrolle ist gut – Vertrauen ist besser

Obwohl sie extrem neugierig ist, hat Amelie Fried beschlossen, nicht alles wissen zu wollen.  

Kontrolle ist gut – Vertrauen ist besser © iStockphoto

Es gibt auf der Welt keinen neugierigeren Menschen als mich. Sobald jemand ein Geheimnis vor mir bewahren will, setze ich alles daran, es ihm zu entlocken. Dabei kann ich selbst schweigen wie ein Grab, wenn jemand mich darum bittet. Deshalb sind Geheimnisse ja auch so gut aufgehoben bei mir. Manchmal gerate ich allerdings in Interessenkonf likte. Wenn ich das Tagebuch meiner Tochter herumliegen sehe, zum Beispiel. Niemals würde sie merken, wenn ich darin lesen würde. Bestimmt wäre es hoch spannend, zu erfahren, was so alles in ihrem Kopf vorgeht. Vielleicht habe ich ja sogar die pädagogische Verpflichtung, darin zu lesen? Womöglich würde ich von schwerem seelischem Kummer erfahren, von unmäßigem Alkohol- oder Drogenkonsum? Womöglich fände ich Hinweise auf sexuellen Missbrauch? Oder auf den geplanten Amoklauf eines Mitschülers?

Bestimmt gäbe es eine Menge guter Argumente für das heimliche Lesen eines Tagebuches – trotzdem mache ich es nicht. Meine Kinder wissen, dass sie mir vertrauen können. Und ich habe beschlossen, ihnen zu vertrauen. Wenn meine Tochter solche Dinge vor mir geheim halten würde, hätte ich das Gefühl, als Mutter versagt zu haben.

Genauso halte ich es mit meinem Mann. Er ist sympathisch, er ist attraktiv, bestimmt ist er hie und da Anfechtungen ausgesetzt. Aber will ich das wirklich wissen? Wenn etwas wichtig ist, werde ich schon davon erfahren. Und bis dahin mache ich mich nicht verrückt. Sie glauben gar nicht, wie entspannend diese Haltung ist. Wenn man einmal beschlossen hat, dem anderen zu vertrauen, ist das Leben viel leichter. Kein heimliches Checken von SMS oder E-Mails, kein Herumwühlen in Anzugtaschen auf der Suche nach Bewirtungs- oder Übernachtungsquittungen, keine Fahndung nach verräterischen Lippenstiftflecken.

Man fühlt sich doch furchtbar bei solchen Schnüffeleien. Wenn man was findet, ist es sowieso eine Katastrophe. Und wenn man nichts findet, ist man danach umso beschämter. Einmal zog ich zufällig ein Blatt aus dem Papierkorb, auf dem in der Handschrift meines Mannes die guten und schlechten Charaktereigenschaften einer Person aufgelistet waren. Die schlechten überwogen deutlich. Sollte das etwa ich sein? Wütend stellte ich meinen Mann zur Rede. Es war eine Materialsammlung für die Hauptfigur seines neuen Drehbuchs: eine Mörderin aus Eifersucht. Seither leere ich den Papierkorb nicht mehr – das macht jetzt er!

 

 

 
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Amelie Fried