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Interview: Hakan Nesser

Er fertigt düstere Romane, und er trägt ausschließlich Schwarz. Aber im Gespräch? Lacht er sich die ganze Zeit kaputt!

Interview mit Hakan Nesser Interview: Hakan Nesser © U. Baumgarten via Getty Images

Steckbrief

  • Privat: Lebt mit seiner zweiten Frau Elke und Hund Norton auf Gotland. Zwei Kinder aus erster Ehe.
  • Geboren: am 21. Februar 1950 im schwedischen Kumla.
  • Karriere: Arbeitete als Lehrer, bevor er 1980 mit dem Schreiben begann. Seine Krimi-Serien um die Inspektoren Barbarotti und Van Veeteren sind internationale Bestseller, die zum Teil verfilmt wurden. Sein Jugendbuch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ gilt als Standardlektüre an schwedischen Schulen.

Dicker Wollschal, zertretene Schuhe, verschmitztes Lächeln. Håkan Nesser sieht nicht aus wie einer, der um die halbe Welt reist, um seine Bücher vorzustellen. Und er klingt auch eher erstaunt, als er mir von seinem Auftritt bei einem australischen Buchfestival im letzten Jahr und einer Einladung aus Shanghai erzählt. Dabei könnte er einfach nur stolz sein: Seine Kriminalromane verkaufen sich weltweit millionenfach und wurden für das schwedische und deutsche Fernsehen sogar verfilmt. Vielleicht hat er deshalb heute keine Angst mehr – nicht vor dem Tod und erst recht nicht davor, aus der Perspektive einer Frau zu schreiben.

Herr Nesser, warum tragen Sie eigentlich so gern Schwarz?

Ich will vorbereitet sein für meine Beerdigung, so einfach ist das.

Tatsächlich?

Ja (lacht). Man sagt, Orange sei das neue Schwarz, aber ich will kein Orange tragen. Außerdem bin ich farbenblind.

Ihr neues Buch „Himmel über London“ soll Teil einer Trilogie über die Großstädte New York, London und Berlin sein. In den ersten beiden haben Sie gelebt – geht’s jetzt also nach Berlin?

Ja, das war die Idee: Ich wollte für ein paar Jahre in New York, London und Berlin leben. Nun bin ich gerade zurück nach Schweden gegangen und habe jetzt ein Haus in Gotland. Aber ich werde im April zumindest für kurze Zeit nach Berlin gehen, um dort zu recherchieren. Ich habe sogar schon eine Idee, schon angefangen zu schreiben.

Was mögen Sie denn besonders an Ihrem Heimatland Schweden?

Es gibt nicht viele Menschen. Überall im Wald darf man zelten. Ich mag diese Freiheit, die Nähe zur Natur. Das Schlimmste an Schweden aber sind Januar, Februar und März. Wenn man die Monate einfach überspringen und so lange nach Australien gehen könnte, das wäre wunderbar.

Wo schreiben Sie am liebsten?

Im Hotel, dort habe ich keine anderen Verpflichtungen. In Gotland muss ich mich um den Hund kümmern, einkaufen gehen, Essen kochen. Aber wenn ich vier Stunden in einem Hotelzimmer auf eine Lesung warte, habe ich Zeit und einen freien Kopf.

In Ihren Büchern geht es um Gott, Liebe und den Sinn des Lebens. Inwiefern ist Schreiben auch Therapie für Sie?

Es gibt mir wahrscheinlich etwas zurück. Denn beim Schreiben muss ich meine Gedanken sortieren. Jeder hat ein paar Fragen in sich. Was bedeutet das Leben? Und wenn ich die in eine Geschichte einbaue, kommen die Protagonisten in Situationen, in denen sie sich entscheiden müssen. So wird das Schreiben zu einem klärenden Prozess – letztlich auch für einen selbst.

Ihre Frau ist Psychiaterin – Inspiration für den Charakter der Maud im Buch?

Ich weiß nicht. Aber Maud ist die Partnerin von Leonard, der Hauptfigur. Und der braucht einen Therapeuten. Es gibt Menschen, die sich so verlieben. Jeder Patient verliebt sich in seinen Therapeuten, das ist ein Klassiker.

Haben Sie Ihre Frau so kennengelernt?

Gute Frage (lacht und boxt mir in die Seite)! Nein, das habe ich nicht. Aber ja, sie ist eine Therapeutin.

„Himmel über London“ ist aus vielen verschiedenen Perspektiven geschrieben. Wie war es, aus der Sicht einer Frau zu schreiben?

Ein Schriftsteller sollte in der Lage sein, sich in den Kopf eines anderen Menschen hineinzuversetzen. Und die Kritiker sagen, es ist in Ordnung. Die netten sagen sogar, ich wäre besonders gut darin. Ich finde es lustig, als Frau zu schreiben, es ist eine Herausforderung. Ich bespreche das mit meiner Frau, sie korrigiert mich. Mein nächstes Buch „Die Lebenden und Toten von Winsford“ (erscheint in Deutschland im September) ist sogar komplett aus der Perspektive einer Frau geschrieben.

Sie schreiben ein Buch pro Jahr. Hatten Sie jemals eine Schreibblockade?

Ständig! Die Kunst ist, die Zweifel abzuschalten und weiterzumachen. Ein Kapitel nach dem nächsten. Kein perfekter Plan, aber so komme ich mit der Geschichte weiter. Viele meiner Schüler, ich war ja früher Schwedischlehrer, schreiben mir: „Håkan, jetzt habe ich mein erstes Kapitel schon 25-mal umgeschrieben. Was soll ich tun?“ Und ich antworte: „Fang mit dem zweiten an, verflixt noch mal!“ (Lacht.)

Gibt es auch Entspannungsmomente in Ihrem Leben?

Natürlich. Schriftsteller zu sein ist ein Privileg. Meine Frau muss als Ärztin immer pünktlich sein, aber ich habe viel Zeit. Ich entspanne bei Spaziergängen mit meinem Hund Norton.

Sie sagen, dass Sie am liebsten morgens schreiben. Wären Nächte für Ihre düsteren Geschichten nicht inspirierender?

Waren Sie schon einmal im Januar morgens in Schweden? (Lacht.) Es ist ziemlich dunkel. Als ich noch jünger war, habe ich mich für ein Genie gehalten. Dachte, ich könnte einfach zwei Gläser Rotwein trinken, und die Ideen würden einfach zu mir kommen. Aber wenn ich jetzt morgens aufstehe, habe ich eine Million Worte zur Auswahl, und gegen 21 Uhr abends sind noch 20 übrig. Deshalb stehe ichum sechs Uhr auf, gehe mit unserem  Hund spazieren, frühstücke, und dann schreibe ich.

Haben Sie Angst im Dunkeln, wenn Sie gerade einen Mord beschreiben?

Niemals. Wenn ich einen Krimi im Fernsehen sehe, bekomme ich auch Angst im Dunkeln. Aber beim Schreiben nicht. In meinem Alter bekommt man sowieso keine Angst mehr. Du weißt, dass du eines Tages sterben wirst, und es spielt keine Rolle, ob ein Mann mit einer Axt durch dein Fenster steigt oder du Krebs kriegst, das Resultat ist dasselbe.

Sie haben keine Angst vor dem Tod?

Ich glaube nicht, dass man etwas Interessantes über das Leben erzählen kann, wenn man den Tod ausspart. Schließlich ist das Einzige, was wir wissen, dass wir eines Tages sterben werden. Ich selbst habe keine Angst davor. Ich will nur nicht, dass meine Kinder sterben oder mein Hund.