Doras Welt

Immer auf Empfang

Muss man eigentlich ständig mit der Welt kommunizieren? Und geht das auch leise?

Kürzlich habe ich in einem Supermarkt einen jungen Mann gesehen, der, vor dem entsprechenden Regal stehend, sämtliche Marmeladensorten lauthals in ein Handy brüllte. Derselbe Mann hielt dann auch an der Käsetheke den ganzen Betrieb auf, weil er vor seiner Bestellung erst seine Liebste anrufen musste, um sie zu fragen, wie viel sie von welcher Käsesorte haben wollte. Sie konnte sich natürlich erst entscheiden, nachdem er ihr alle Sorten erklärt hatte. Vor dem Kühlregal traf ich ihn wieder, seither weiß ich, dass Anja nur fettfreie Milch trinkt. Dabei inte - ressiert es mich nicht, überhaupt nicht, aber ich muss es mir anhören. Ich sehne mich nach den Zeiten zurück, in denen Männer mit Einkaufszetteln in den Supermarkt geschickt und wichtige Telefonate hinter der Tür einer Telefonzelle geführt wurden. Das Ganze wird nur noch gesteigert von den Mitmenschen, die die Marmeladensorten nicht mehr erklären, sondern abfotografieren und das Bild als E-Mail in die häusliche Küche schicken.

Auch meine Freundin Nele gehört zu dieser Spezies. Natürlich ist es praktisch, wenn sie sich beim Optiker eine Brille aussucht und mir ein Foto von ihr schickt, damit ich das Gestell beurteile. Oder fünf Bilder neuer Outfits aus einer Umkleidekabine sendet, weil sie sich unsicher ist. Sie hätte mich auch mitnehmen können, das wäre einfacher gewesen. Aber Nele arbeitet lieber mit ihrem Smartphone. Sie ruft kein Taxi mehr an, sondernbestellt es online. Sie verzichtet auf die Tageszeitung und liest mit zusammengekniffenen Augen auf dem kleinen Display die wichtigsten Nachrichten. Sie traut dem blauen Himmel nicht mehr, sondern muss wissen, was ihr wetter.de verspricht. Im Kino hat sie neulich während eines zugegebenermaßen langweiligen Films ihre Facebook- Freunde darüber informiert, dass dieser Film langweilig ist. Ich bin einfach eingeschlafen. Ich wurde erst wieder wach, als Nele mich anstieß und mir auf ihrem Smartphone die Kritik dieses Films zeigte. Er wäre ganz großartig, flüsterte sie, ich solle mir wenigstens den Rest ansehen.

Nele liebt die Möglichkeiten, die diese Technik bietet. Das kann ich alles verstehen, von mir aus können alle Menschen ständig und dauernd mit der Welt kommunizieren. Aber das geht doch auch leise. Im Übrigen habe ich noch ein Ass im Ärmel. Irgendwann werde ich Nele stecken, dass man auf Fotos, die man von sich selbst macht, meistens ein Doppelkinn hat. Vielleicht hilft es, und wir gehen mal wieder zu zweit shoppen. Oder essen, und zwar ohne ein Foto von den Nudeln zu machen, um sie ins Netz zu stellen. Es wäre zu schön. Mit Sehnsucht nach der alten Telefonzelle grüßt Dora Heldt

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