Kolumne Amelie Fried Hochstapelei und ihre Folgen

Nur wer etwas wagt, gewinnt. Amelie Fried schreckt dabei auch vor Hochstapelei nicht zurück

Hochstapelei und ihre Folgen Hochstapelei und ihre Folgen © dreampix-Fotolia

"Können Sie reiten?", wurde John Wayne gefragt, als er in Hollywood für seinen ersten Western vorsprach. „Klar“, behauptete er lässig – und bekam die Rolle. Bis Drehbeginn nutzte er jeden freien Moment, um Reitunterricht zu nehmen. Denn er hatte noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen.

Mein Sohn Leo macht es wie John Wayne. Er hat sich für eine Zivildienststelle in Südamerika beworben. Auf die Frage, wie gut sein Spanisch sei, kreuzte er an: „Gute Anfänger-Kenntnisse.“ In Wahrheit kann er auf Spanisch gerade mal ein Bier bestellen. So wie John Wayne bis Drehbeginn reiten lernte, wird Leo bis zur Abreise Spanisch lernen – hie und da muss man die Wahrheit eben etwas dehnen, um ans Ziel zu kommen. Manchmal frage ich mich, was wohl aus der Firma geworden ist, die mich vor 30 Jahren als Dolmetscherin für die Verhandlungen mit ihren japanischen Geschäftspartnern angeheuert hat. Niemand am Tisch konnte richtig Englisch – auch ich nicht. Die anderen glaubten aber, ich könnte es, also beschloss ich, das auch zu glauben.

Anfangs war ich ein wenig ratlos, weil ich nicht verstand, was überhaupt Gegenstand der Verhandlungen war. „Labbel sielings“ waren mir bis dahin noch nicht untergekommen. Trotzdem übersetzte ich munter drauflos, und wenn ich etwas nicht verstand, improvisierte ich. Lange rätselte ich, was das Wort „deliwweri“ wohl heißen könnte – in meinem englischen Schulunterricht waren Begriffe aus der Wirtschaft nicht vorgekommen. Nachdem die Verhandlungen über mehrere Tage und in bester Stimmung gelaufen waren, feierten wir einen großen Geschäftsabschluss. Inzwischen hatte ich sogar gelernt, dass es um kleine, schwarze Dichtungsringe aus Gummi ging und „delivery“ Lieferung heißt. Ich war sehr stolz auf meinen ersten Einsatz als Dolmetscherin, der allerdings auch mein einziger geblieben ist.

Vermutlich kämpft die Firma bis heute mit den Folgen meiner Übersetzungskunst, weil Tonnen von Gummiringen zu absurden Preisen und unmöglichen Lieferbedingungen von München nach Tokio geschickt wurden. Eines habe ich daraus gelernt: dass man alles kann, was andere einem zutrauen. So bin ich ja auch beim Fernsehen gelandet. Irgendein Redakteur meinte, ich könnte moderieren – also moderierte ich. Jahrelang fürchtete ich, eines Tages als Hochstaplerin enttarnt zu werden. Nach 27 Jahren glaube ich allmählich selbst, dass ich es kann. Und wenn nicht, kann ich es auf jeden Fall noch lernen!

 
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Amelie Fried