Kolumne Amelie Fried Härtetest für jede Freundschaft

Wie manche Eltern ihre Kinder erziehen – nicht auszuhalten, findet Amelie Fried.

Härtetest für jede Freundschaft Härtetest für jede Freundschaft © Simon Ebel-Fotolia

Wirklich, ich liebe meine Freundinnen, aber als Mütter sind einige von ihnen leider eine Katastrophe. Kein Wunder, wenn ihre Kinder zu Tyrannen werden. Ich könnte meinen Freundinnen schon sagen, was sie falsch machen. Aber mich fragt ja niemand. Und wenn ich ungefragt meinen wertvollen Rat erteile, stößt das seltsamerweise auf wenig Resonanz.

Eine Freundin überschüttet ihre Kinder, kaum dass sie das Haus betreten haben, mit Anweisungen: „Geht-bitte-Händewaschen- danach-gibt-es-Essen-esst-aberbitte- auch-Salat-erst-dann-gibt’s-was-Süßes - und - später - könnt - ihr - fernsehenaber- höchstens-eine-halbe-Stunde-habtihr- eure-Hausschuhe-an-nein-jetzt-gibtes- keine-Limo-mach-bitte-die-Badezimmertür- zu.“ Man kann regelrecht sehen, wie die Kinder ihre Ohren zuklappen und die Litanei an sich vorbeirauschen lassen. Fünf Minuten später sitzen sie gummibärchenkauend vor dem Computer und lassen ihr Essen kalt werden. Eine andere Freundin, alleinerziehende Mutter, sieht tatenlos zu, wie ihr pubertierender Sohn grußlos die Wohnung betritt, mit einer aufgewärmten Tiefkühlpizza und zwei Tüten Chips in seinem Zimmer verschwindet und bis morgens um drei nicht mehr herauskommt. Als ich entsetzt frage, wieso sie das zulässt, zuckt sie nur die Schultern. „Ich kann doch eh nichts machen.“ Nicht, dass ich mich für eine begnadete Erzieherin halte; auch ich mache viel falsch, bin oft inkonsequent, ungeduldig oder aufbrausend. Aber muss Erziehung nicht etwas anderes sein als erdrückende Fürsorge oder simples Laufenlassen?

Der Härtetest für jede Freundschaft ist ein Urlaub mit Kindern. Wie unter einem Brennglas kommen nicht nur die schlechten Eigenschaften aller Beteiligten ans Licht, sondern auch der jeweilige Erziehungsstil. Den eigenen Kindern verspricht man ein Eis pro Tag – die Kinder der anderen Familie kriegen drei („Sind doch Ferien!“). Den eigenen Kindern schärft man ein, am Strand nicht zu nerven – die anderen werfen ungehindert mit Sand („Sind doch Kinder!“). Die eigenen Kinder schickt man um zehn ins Bett, damit Ruhe ist – die anderen turnen bis Mitternacht herum und stören jedes Gespräch („Sind doch gut drauf!“).

Die Freunde halten einen für kleinmütige und spießige Spaßverderber, und am Ende wünscht man sich nur noch eines: Urlaub ohne Freunde. Oder: Urlaub mit Freunden, aber ohne Kinder. Es kann übrigens auch gutgehen. Das sind dann Freundschaften fürs Leben.

 
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