Frauenbewegung Frauen heute

Vor 40 Jahren nahm in Deutschland die Frauenbewegung so richtig Fahrt auf. Was hat sich seitdem verändert? Eine persönliche Bilanz unserer Autorin Susanne Schäfer – und Stimmen aus der FÜR SIE-Redaktion.

Frauen heute © iStockphoto

Kürzlich wurde meine Nichte 13 und feierte ihre erste Party, zu der sie haufenweise Freundinnen und ein paar Jungs einlud. Erstaunlicherweise durfte auch Familie kommen, allerdings nur in homöopathischer Dosis: Reingelassen wurden nur all jene, die in den Augen meiner Nichte halbwegs cool rüberkommen. Der Partyraum wirkte wie eine in Glitzerfolie gepackte Puppenstube, und während sich die Jungs in die Ecken verdrückten, stellten sich die Mädchen in einer Reihe auf und übten gute zwei Stunden lang, zu Miley Cyrus’ „Can’t Be Tamed“ auf Mörder-Heels wie Gisele Bündchen zu laufen. Die Mädchen trugen raffiniert unauffällige Push-up-Bras, und schon bald erfuhr ich, dass fast alle Top-Model werden wollten, zur Not auch Top-Managerin. „Hauptsache schön, reich, berühmt und was zu sagen haben“, kicherten sie. Und während ich die so selbstverständlich von sich überzeugten Mädchen betrachtete, dachte ich an meinen eigenen 13. Geburtstag zurück.

Damals, 1977, beschwor ich meine Eltern, das Feld zu räumen, und legte das Haus mit Matratzen aus. 48 Freunde ließen sich darauf nieder, wir tranken Apfelkorn auf Ex und fühlten uns rebellisch, wild und frei. Stark, so dachte ich damals, kann man als Frau nur sein, wenn man seine „innere Tussi“ in die hinterste Ecke verbannt, und deshalb fand ich Models, Mädchengekicher und BHs superblöd. Letzteres hatte ich mir bei meiner Mutter abgeschaut. Als die neuen Feministinnen Anfang der 70er forderten: „Frauen, verbrennt eure BHs! Sie engen euch ein und sind Symbol eurer Unfreiheit!“, warf meine Mutter ihre starren Brustpanzer mit all diesen furchtbaren Haken und Ösen in den Müll. Seitdem guckte sie viel entspannter. Was mir die Frauenbewegung gleich ungemein sympathisch machte.

Damals verkehrten meine Eltern in Künstlerkreisen; man war gegen den Vietnamkrieg, gegen Autoritäten, gegen den Muff von tausend Jahren, doch schon als Kind spürte ich, dass da irgendwas gewaltig schieflief. Alle sprachen von Aufbruch, Freiheit, Gleichheit, doch in Wahrheit hatten die Männer weiterhin das Sagen, und die Frauen gaben klein bei. Meine Mutter war tief in ihrem Innern eine Löwin, lebte aber viele Jahre das Leben einer gezähmten Hauskatze. Ich dagegen war so wild, wie sie gern gewesen wäre; Mädchen sein bedeutete für mich Kampf gegen den Platz, den man meiner Mutter und mir zuweisen wollte, und es macht mich glücklich, wenn ich heute meine Nichten betrachte. Sie müssen nicht mehr so viel kämpfen, sondern freuen sich ganz offensichtlich darauf, Frauen zu werden. Sie mögen ihre sanfte und ihre starke Seite, denn sie erleben, dass auch Jungs sanfte und starke Seiten haben. Gelassen vertrauen sie ihrer Kraft und sind fest davon überzeugt, dass sie alles erreichen können, was sie wollen.

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Autor:
Susanne Schäfer