Kolumne Amelie Fried „Du bist wie deine Mutter!“

Man bleibt ein Leben lang Tochter, mit den Jahren ist es aber leichter zu ertragen, findet Amelie Fried

Mutter und Tochter „Du bist wie deine Mutter!“ © Joshua Hodge Photography - iStockphoto

Wie die Mutter so die Tochter

Mit nichts konnte mein Mann mich früher schneller auf die Palme bringen als mit der Behauptung, ich sei wie meine Mutter. Wie meine Mutter??? Diese überfürsorgliche, besserwisserische, sich-in-alles-einmischende Person, der ich so ähnlich sein wollte wie einer fleischfressenden Pflanze, nämlich überhaupt nicht? Jedes Mal, wenn er es wagte, das zu sagen, bekamen wir sofort den schönsten Ehekrach.

Es nervte mich schon, wenn ich – wegen unserer angeblich so ähnlichen Stimmen – am Telefon mit meiner Mutter verwechselt wurde oder manche Bekannten meiner Mutter betonten, „wiiiiiieeeee ääääähnlich“ ich ihr sähe, wenn sie mich zufällig im Fernsehen gesehen hatten. Ich wollte nicht klingen wie meine Mutter, ich wollte nicht aussehen wie meine Mutter, und schon gar nicht wollte ich sein wie sie.

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Mit der Zeit jedoch musste ich feststellen, dass mein Widerstand zwecklos war. Wenn ich mich unerwartet in einem Schaufenster spiegelte, fühlte ich mich an meine Mutter erinnert. Ich bemerkte, dass ich ähnliche Bewegungen machte und ähnliche Spleens entwickelte wie sie. Und immer wieder dachte ich unwillkürlich: „Jetzt klingst du gerade wie Mutti!“ Meist geschah das, wenn ich mit meinen Kindern sprach, ihnen etwas erklärte oder verbot. Dann hatte ich diesen typischen Mutti-Tonfall drauf, in dem meine Mutter mir Dinge erklärt oder verboten hatte, als ich klein war. Manchmal betrachtete ich meine Tochter und stellte mir vor, wie sie später versuchen würde, mir nicht ähnlich zu sein. Wie sie mit ihrem Mann streiten würde, wenn der es wagte, zu sagen: „Du bist wie deine Mutter!“

Vor Kurzem wurde meine Mutter 80. Sie ist fit wie der sprichwörtliche Turnschuh und geistig auf Draht wie eine Dreißigjährige. Sie organisierte und absolvierte einen dreitägigen Feier-Marathon ohne das geringste Anzeichen von Erschöpfung, machte eine Stadtführung für die auswärtigen Gäste, hielt am Festabend eine anrührende Rede und sah dabei fantastisch aus. Und plötzlich dachte ich: Sie ist toll! Wie gut, dass ich ihr ähnlich bin! Wenn mein Mann mir jetzt hinwirft: „Du bist wie deine Mutter!“, sage ich freundlich: „Sei froh!“ Und wenn meine Tochter mich wieder mal blöd findet, denke ich hoffnungsvoll: Noch hältst du mich für eine fleischfressende Pflanze, aber eines Tages wirst du hoffentlich stolz auf mich sein!

 
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Amelie Fried