Dora Heldt

Talkshows zum Wegzappen

Auf jedem Kanal trifft man interessante Leute. Ramona aus Hagen. Oder Sissi und Kevin. Aber wie viel will man wirklich von ihnen wissen?

Dora Heldt

Letzte Woche hat mich ein akuter Grippeanfall niedergestreckt. Eigentlich wollte ich nachmittags meinen Gutschein bei einer Kosmetikerin einlösen und war abends zu einem Geburtstagsessen eingeladen, auf das ich mich sehr gefreut hatte. Stattdessen lag ich nun schlecht gelaunt mit Kopfschmerzen, Halsschmerzen, verstopfter Nase und tränenden Augen unter einer Wolldecke auf dem Sofa und versank in Selbstmitleid. Ich konnte weder lesen noch aufstehen noch telefonieren – das Einzige, was noch ging, war der Griff zur Fernbedienung. Also schaltete ich bereits mittags den Fernseher an.

Auf dem Bildschirm erschien eine 20-jährige Nageldesignerin namens Sissi, die in ihren arbeitslosen Nachbarn Kevin verliebt war und mit tränenerstickter Stimme in die Kamera flüsterte, dass der ihre Avancen nicht erwidere und sie deswegen schon völlig fertig sei. Ich schaltete einen Kanal weiter und kam in eine Gerichtsverhandlung. Eine Zeugin im Trägerkleidchen mit weitem Ausschnitt brüllte gerade den hinter ihr sitzenden Mann an, der sie anscheinend gewürgt hatte und darüber hinaus auch noch ein Menschenhändler war.

Im nächsten Programm lernte ich Ramona kennen, eine Hausfrau aus Hagen, die sich in einer Talkshow darüber beklagte, dass ihr Mann so grundlos eifersüchtig war und es deshalb immer zum Streit kam. Der Mann wurde dazugeholt, er war ein gerade aus dem Gefängnis entlassener Koch, der die arme Ramona sofort wüst beschimpfte. Meine Hand ging zur Fernbedienung, nach dem Knopfdruck musste ich mir ansehen, dass ein tätowierter Karsten unter der Beschattung zweier Privatdetektive nicht zur Arbeit ging, wie seine ebenfalls tätowierte Frau dachte, sondern in ein Bordell. Zurückgekehrt zu Sissi, kam ich gerade richtig zur Auflösung. Kevins bester Kumpel war nämlich Kevins Freund. Und deshalb konnte Kevin Sissis Avancen nicht erwidern, weil er ja schwul war. Sissi weinte. Nebenan wurde der Menschenhändler noch im Gericht festgenommen, Karstens tätowierte Freundin rannte mit den Detektiven ins Bordell, und Ramona aus Hagen fiel mit Karacho durch den Lügendetektortest, was zur Folge hatte, dass der eifersüchtige Mann jetzt auch noch wusste, dass ihr Kind nicht von ihm war, und wütend das Studio verließ.

Völlig erschöpft fiel ich in einen fiebrigen Schlaf. Als ich wieder aufwachte, fühlte ich mich etwas besser. Weil ich so dankbar war, dass es sich bei mir nur um eine läppische Grippe handelte. Während Sissi und Ramona...

Mit immer noch nasalen, aber wieder optimistischen Grüßen, Ihre Dora Heldt