Doras Welt

Taktgefühl - vom Aussterben bedroht

Von distanzlosen Freunden und einer forschen Gesellschaft.

Dora Heldt

Meine Freundin Nele hat mich eingeladen. Sie bekommt Besuch von Thorben, einem alten Freund. Ein sehr alter Freund, auch von mir.

Wir kennen uns seit Jahren, waren früher auch schon gemeinsam im Urlaub – und ich kann ihn nicht mehr leiden. Aber das kann Nele nicht verstehen, sie ist da sehr loyal, und nach all den Jahren der Freundschaft ist man doch entspannt.

Das bin ich leider nicht. Thorben schon. Genau das ist mein Problem mit ihm. Er ist distanzlos. Weil wir uns schon so lange kennen. Ich weiß genau, der Abend wird mit einem abschätzenden Blick beginnen. Dann kommt die Frage: „Bist du schon wieder allein? Wo ist denn dein Liebster?"

Meine Erklärung, dass er viel arbeitet, wird ignoriert, dafür höre ich mir die neueste Statistik an, in der es um Single-Haushalte in Großstädten, bindungsscheue Männer und unverbindlich verlaufende Beziehungen geht.

Das wird aber nur der Anfang sein. Beim letzten Mal riet er mir, mich öfter zu entspannen, man würde mir den Stress ansehen, vor allen Dingen im Gesicht. Er fand auch, dass mich die längeren Haare älter machen, roter Nagellack an meinen Händen irgendwie komisch aussieht und ich mich viel zu selten bei ihm melde. Wie gesagt, ich kann ihn nicht mehr leiden.

Anscheinend geht in Zeiten, in denen fast jeder sein komplettes Privatleben ins Netz stellt, die grausamsten Alltagsgeschichten nachmittags im Fernsehen laufen und am liebsten in der Öffentichkeit telefoniert wird, jegliche Distanz verloren. Dass meine Mutter mich in einem vollen Café laut fragt, welche Kleidergröße ich eigentlich inzwischen trage, daran habe ich mich gewöhnt. Aber dass eine Bekannte von Nele mir nach zehn Minuten Kennenlernen vorgeschlagen hat, meine Stirnfalte aufspritzen zu lassen, das hat mich schon irritiert. Es passierte auf Neles Geburtstagsfeier. Die eingeladene Bekannte wurde von ihrem Freund begleitet, den Nele noch nie gesehen hatte. Er sie auch nicht, das hielt ihn aber nicht davon ab, sich die Kaltschaummatratze in ihrem Schlafzimmer anzugucken und Nele zu fragen, was sie eigentlich im Monat verdiene, dass sie sich so eine Wohnung leisten könne. Nele kannte nicht mal seinen Namen.

Mir geht diese zunehmende Distanzlosigkeit auf die Nerven. Ich neige im Moment dazu, gar keine Fragen mehr zu beantworten, und wenn, dann nur sehr knapp. Also, falls Sie wissen wollen, wie es mir im Moment so geht, hier ist die Antwort: gut! Fertig, aus. Und falls Sie mehr wissen wollen, dann fragen Sie Thorben. Der ist entspannt.

Schweigsame Grüße, Ihre Dora Heldt