Doras Welt
Jetzt lass mich doch mal ausreden
Manchmal ahnt man ja, was der andere sagen will. Manchmal liegt man völlig falsch. Und dann?
Mein Liebster und ich waren neulich bei meiner Freundin Anna eingeladen. Sie hatte Geburtstag und wollte grillen. Ab 19 Uhr hatte es geheißen. Um fünf Minu ten vor waren wir erst fertig, wir würden zu spät kommen, was ich nicht leiden kann.
„Hast du den ...?“, fragte mein Liebster, was ich sofort mit „Ja, natürlich“ beantwortete und an ihm vorbei zum Auto eil- te. Anna bekommt zu jedem Geburtstag eine Flasche Champagner, den ich bereits in der Hand hielt. Ich fragte mich, wo mein Liebster seine Augen hatte. Mein Liebster ließ die Haustür ins Schloss fallen und folgte mir. Am Auto reichte er mir die Hand, was ich mit einem lässigen „Ich kann die Flasche auf den Schoß nehmen. Mach lieber das Auto auf“ erwiderte.
„Ich brauche den Schlüssel.“ „Habe ich nicht.“ „Ich habe dich doch gerade gefragt.“ „Hast du nicht. Du hast gefragt, ob ich denChampagner habe.“ „Habe ich nicht. Du hast mich wiedernicht ausreden lassen.“ Das war äußerst ärgerlich, zumal nicht nur der Autoschlüssel, sondern auch der Wohnungsschlüssel am Bund hing. Bis wir die Nachbarin ausfindig gemacht hatten, die erst mit dem Taxi von einer Party kommen musste, um uns die Tür aufzuschließen, dauerte es eine Zeit lang.
Mein Liebster hielt mir während der Wartezeit einen Vortrag über die Gründe, den anderen nicht ausreden zu lassen. Respektlosigkeit, Ungeduld, schlechte Manieren. Ich ließ ihn reden. Eigentlich unterbreche ich selten andere Menschen. Bis auf wenige Ausnahmen. Und da geht es nicht anders. Nehmen wir als Beispiel einen Drogeriemarkt in meiner Straße. Ich hatte wenig Zeit, es war nur eine Kasse besetzt, vor mir drei Kunden mit vollen Einkaufswagen. Die Kassiererin sprach langsam, laut und sehr deutlich. „Guten Tag. Das macht 13,21 Euro. Haben Sie eine Kundenkarte? Hätten Sie gern eine? Möchten Sie eine Tüte? Bitte schön, hier bitte sehr, Ihr Kassenbon. Ich wünsche einen schönen Tag.“
Als ich endlich dran war, war ich genervt und rief sofort. „Guten Tag, keine Kundenkarte, keine Tüte, kein Kassenbon, keine Zeit.“ Sie war beleidigt, genau wie mein Liebster jetzt. Dabei wollte ich nur Zeit gutmachen.
Anna fand es übrigens nicht so schlimm, dass wir zwei Stunden zu spät zum Grillen kamen. Axel war noch mal losgefahren, um irgendwo Grillkohle zu organisieren, er hatte sie vergessen.
„Ich kam mit meiner Frage nur bis ‚Hast du genug ...‘, da hat er schon ‚Aber natürlich‘ gesagt. Woher soll ich denn wissen, dass er die Würstchen meinte?“, teilte Anna uns sauer mit, worauf mein Liebster Axel sofort verteidigte und irgendetwas von „Das kann ja mal passieren“ murmelte.
Da war keine Rede mehr von Respektlosigkeit und Ungeduld. Hier war es nur ein Missverständnis. Er wollte noch etwas anderes erzählen, das wollten wir aber nicht mehr hören. Wir konnten es uns ja denken, wenigstens in etwa.
Mit zeitsparenden Grüßen,
Ihre Dora Heldt



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