Reportage: Pakistan Die Wiegen des Lebens

In Pakistan gilt die Geburt eines Mädchens bei vielen als Fluch. Jeden Tag werden Neugeborene getötet oder ausgesetzt. Zur Rettung der kleinen Ausgestoßenen haben Bilquis Edhi und ihr Mann Abdul 300 Findelwiegen aufstellen lassen.

Die Wiegen des Lebens Die Wiegen des Lebens © runzelkorn-Fotolia

Du sollst nicht töten. Lege das Baby in die Wiege, damit es am Leben bleibt“, heißt es auf dem Schild über dem Babybett. Es steht auf einem staubigen Bürgersteig mitten in der Altstadt von Karatschi, der lärmerfüllten Metropole Pakistans. Einige Gassen weiter kleben die Fotos von ausgesetzten Kindern an einer Mauer, versehen mit dem Datum der Aufnahme. Die Mauer umgibt das Hauptquartier der Bilquis Edhi Foundation, einer der größten humanitären Stiftungen des Landes.

Dort in der Ambulanz wird gerade ein ausgesetztes Neugeborenes untersucht. Ein Arzt prüft seinen Gesundheitszustand. Es ist ein Mädchen – wie 80 Prozent aller Findelkinder Pakistans. Dazu kommen einige wenige körperlich behinderte und ganz vereinzelt gesunde Jungen, die von der Stiftung aufgenommen werden. Mädchen sind in Pakistan oft unerwünscht – wie leider in so vielen Ländern der Welt. Sie sind zu teuer für die notleidenden Familien. Ein Drittel der Einwohner Karatschis lebt unterhalb der pakistanischen Armutsgrenze, mehr als 60 Prozent der Frauen sind Analphabeten. Und die Aussteuer für ein oder gar zwei Mädchen ist für viele Familien eine untragbare finanzielle Belastung.

„Schauen Sie sich diese Kleine an, sie ist erst einige Tage auf der Welt und wurde schon verstoßen“, erregt sich Bilquis Edhi, die Gründerin der Organisation, während sie das Baby zärtlich an sich drückt. „Das bringt mich immer noch aus der Fassung“, entschuldigt sie die Tränen in ihren Augen. „Mit jedem neuen Baby spüre ich die Ungerechtigkeit. Ich möchte sie mit Liebe überschütten und sie vor dem Bösen schützen. Es ist immer noch so, als ob ich zum ersten Mal ein Baby aufnehmen würde.“ Doch sie und ihr Mann Abdul haben schon 20 000 Säuglingen das Leben gerettet.

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Autor:
Fabrice Dimier