Kolumne Amelie Fried Die Freiheit sich zu beschweren

Amelie Fried meint: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Beliebt macht man sich damit aber nicht

Die Freiheit sich zu beschweren Die Freiheit sich zu beschweren © helix-Fotolia

Leute, die sich ständig beschweren, weil sie sich schlecht behandelt fühlen, kann ich nicht leiden. Ich kann es aber auch nicht leiden, schlecht behandelt zu werden. Deswegen beschwere ich mich recht oft. Wenn der Abflug in den Urlaub um drei Stunden vorverlegt wird, ohne dass ich es erfahre. Wenn bei neuen Stiefeln nach einer Woche der Reißverschluss kaputt ist. Wenn Autofahrer stundenlang den Motor laufen lassen. Wenn Politiker ihre Versprechen nicht halten.

Oh ja, es gibt viele Gründe, sich zu beschweren. Genau genommen könnte ich von Beruf Beschwerdebriefschreiberin werden und hätte gut zu tun. Aber ich möchte keiner von diesen notorischen Nörglern sein, die an allem und jedem etwas auszusetzen haben. Das Essen ist zu kalt, der Weißwein zu warm, der Kellner zu langsam, die Musik zu laut. Leute, die sich ständig beschweren, nerven. Kaltes Essen, warmer Weißwein, langsame Kellner und zu laute Musik nerven allerdings auch. Wie oft darf man sich beschweren, ohne unsympathisch zu werden?

Wie viele Leserbriefe über den miesen Zustand der Welt darf man schreiben, ohne dabei als Querulant zu gelten? Ich versuche, ein gutes Vorbild für meine Kinder zu sein. Die sollen einerseits tolerant sein, andererseits den Mut haben, sich gegen ungerechte Behandlung zu wehren. Meine Tochter hat sich das schon zu Herzen genommen: Sie diskutiert gern mit ihren Lehrern darüber, ob sie eine Strafarbeit verdient hat oder nicht. Wenn sie die Strafe ungerecht findet, schreibt sie die Arbeit nicht. Ihre Lehrer sind davon mäßig begeistert.

Ich fürchte, die Neigung zur Aufmüpfigkeit liegt in unserer Familie. Schon mein Großvater hat sich nichts gefallen lassen. Als die Nazis ihm, dem Juden, sein Schuhgeschäft wegnehmen wollten, als sie die Wände beschmierten und die Scheiben einwarfen, schrieb er noch Beschwerdebriefe an die Behörden. Er landete im KZ. Welches Glück, dass wir uns heute über verschobene Flüge und gebrochene Reißverschlüsse aufregen können! Und uns über den miesen Zustand der Welt beklagen dürfen, ohne Angst vor den Folgen haben zu müssen.

Weil wir diese Freiheit behalten wollen, haben wir geradezu die Verpflichtung, uns weiter zu beschweren. Über unangemessene Behandlung ebenso wie über schlechte Politik, über soziale Ungerechtigkeit ebenso wie über die Zerstörung der Umwelt. Dafür können wir getrost mal ein Auge zudrücken, wenn der Weißwein zu warm ist.

 
Schlagworte:
Autor:
Amelie Fried