Kolumne Amelie Fried Das Leben ist ein Buffet

Amelie Fried könnte verzweifeln – von allem gibt es zu viel, nur nicht von dem, was wichtig ist

Ein festlich dekorierter Tisch mit einer großen Auswahl - das perfekte Buffet für besondere Anlässe Das Leben ist ein Buffet © pavel siamionov-Fotolia

Es gibt zu viel. Zu viel Elend, Dummheit und Gier. Zu viele überbezahlte Manager, zu viele Arbeitslose, zu viele Menschen ohne Perspektive. Zu viel sinnloses Zeug zu kaufen, zu viel Abfall, zu viele Abgase. Es herrscht ein Überangebot in allen Bereichen. Mein Handy kann viel mehr, als ich jemals werde nutzen können, von meinem Computer ganz zu schweigen. Sogar der Wetterbericht bietet weit mehr, als ich brauche. Da gibt es Strömungsbilder und Winddiagramme, Live-Berichte vom Brocken im Harz, Bilder von zerzausten Reportern, die in pelzige Riesenmikros sprechen – wofür, zum Teufel, brauche ich das?

Ich will einfach nur wissen, wie morgen das Wetter wird. Mehr nicht. Man kommt sich vor wie an einem dieser Riesenfrühstücksbuffets in großen Hotels. Da kann man zwischen fünf Eierspeisen wählen, zwischen zehn Käseund zwanzig Brotsorten, und egal, wie viel man gegessen hat, den ganzen Tag über verfolgt einen das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Es ist der Überfluss, der ein Gefühl von Mangel erzeugt. Nach dem Shoppingbummel kann man eigentlich nur unzufrieden sein, denn den drei Teilen, die man erstanden hat, stehen die drei Millionen gegenüber, die man nicht kaufen konnte.

„Angesichts der Auswahl verwendet man einen Großteil seiner Energie für die vielen Entscheidungen, die man täglich trifft.“

Wenn an einem Abend im Fernsehen fünfundzwanzig verschiedene Spielfilme laufen, muss man zwangsläufig das Gefühl bekommen, gerade den falschen zu sehen. Angesichts der ständigen Auswahl verwendet man einen Großteil seiner Energie für die vielen Entscheidungen, die man täglich treffen muss. Und das erschöpft den Menschen, wie Wissenschaftler herausgefunden haben: Sogar wenn das Auswählen Spaß macht, ist es eine derartige Belastung fürs Gehirn, dass die Probanden bei anschließenden Leistungstests deutlich schlechter abschnitten als andere, die vorher keine Entscheidungen treffen mussten. Das Zuviel an Überflüssigem ist auch schuld am Zuwenig des Wesentlichen.

Es frisst unsere Energie – und das Wertvollste, das wir haben: unsere Zeit. Wir verbringen Tage damit, uns zu überlegen, ob wir ein Kräuter- oder ein Orangenshampoo kaufen wollen, ob unser neuer Laptop diesen oder jenen Prozessor enthalten soll, ob wir eine Pizza Marinara oder lieber eine Funghi bestellen. Nichts gegen Vielfalt – natürlich ist es schön, dass wir keine Einheitskluft tragen, keine Einheitsgerichte essen und keine Einheitsmeinungen vertreten müssen. Aber wenn das Leben ein Buffet ist, hätte ich lieber weniger Auswahl. Und dafür mehr Zeit zum Genießen.

 
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Amelie Fried