Kolumne Amelie Fried Da kann Einstein einpacken

Es geht bergab? Keine Sorge, meint Amelie Fried. Eine Generation von Hochbegabten wächst heran.

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Wenn Thomas oder Sabine früher herumzappelten, sich nicht konzentrieren konnten und schlechte Noten schrieben, waren sie verhaltensauffällig oder lerngestört. Wenn Lukas oder Sophia heutzutage dasselbe Verhalten an den Tag legen, sind sie sehr wahrscheinlich hochbegabt. Je schlechter ein Kind in der Schule ist, desto überzeugter sind die Eltern von seiner Hochbegabung. Das liegt daran, dass in verschiedenen Artikeln zu diesem Thema stand, hochbegabte Kinder langweilten sich im Unterricht und schrieben deshalb schlechte Noten. Seither erklären viele Eltern nach einer versauten Mathearbeit: „Der Lenny ist eben unterfordert. Natürlich kann er es, aber die Lehrer motivieren ihn einfach nicht genug.“ Alles kleine Einsteins, ganz klar. Auch der Entdecker der Relativitätstheorie war schließlich miserabel in der Schule.

Wenn ich mich so umsehe, bin ich geradezu umzingelt von hochbegabten Kindern. Alle paar Wochen vertraut mir wieder eine Mutter verschwörerisch an, sie habe Sohn oder Tochter zum Intelligenztest angemeldet, es gebe deutliche Hinweise auf eine Hochbegabung. Wenn ich frage, was das für Hinweise seien, bekomme ich zur Antwort, das Kind schlafe wenig, langweile sich in der Schule, werde von Mitschülern gemobbt und verwende ausgefallene Fremdwörter. Was für Fremdwörter, frage ich zurück. Tschillen, sagt die Mutter. Ob ich wüsste, was das bedeutet?

Dass ihr Kind vielleicht einfach zu wenig schläft, weil es bis Mitternacht fernsieht, dass es sich in der Schule langweilt, weil es schlicht desinteressiert ist, und dass es gemobbt wird, weil es sich womöglich unsozial verhält – auf diesen Gedanken kommen die Mütter nicht. Nein, es muss um jeden Preis hochbegabt sein. Um diese Illusion aufrechtzuerhalten, empfehle ich, den Test nicht zu machen, denn in den meisten Fällen stellt sich heraus, dass das Kind nicht über eine besonders hohe Intelligenz verfügt, sondern lediglich eine faule Socke ist.

Die Frage bleibt, warum so viele Mütter derart scharf darauf sind, dass ihr Kind sich als Intelligenzbestie entpuppt, womöglich deutlich schlauer als sie selbst? Ich persönlich verzichte lieber auf diese Erfahrung. Deshalb melde ich meine Tochter auch nicht zum Test an, obwohl eigentlich kein Zweifel über ihre Hochbegabung besteht: Schon nach ihrem allerersten Schultag fragte sie äußerst entsetzt: „Muss ich da jetzt jeden Tag hingehen?“ Wenn das kein Zeichen höchster Intelligenz ist!

 
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Amelie Fried