Frauen im Job Traumjob Illustratorin

Malen, mischen, kleben – die Illustratorin Larissa Bertonasco erfindet Figuren und Bilder, um damit Texten ein Gesicht zu geben. Wir haben sie in ihrem Hamburger Atelier besucht.

Ein wahrer Traum von Arbeitsplatz - Traumberuf Illustratorin Traumjob Illustratorin © Sabine Moeller

Jedes Fitzelchen Papier kann sie auf neue Ideen bringen. Denn Larissa Bertonasco sieht mehr in den Dingen, als sie sind. Sie schnappt sich zum Beispiel das Millimeterpapier, das ihre Tochter für den Matheunterricht braucht, weil sie die kleinen rot-weißen Karos spontan an eine typisch italienische Tischdecke erinnern. Malt eine sattgrüne Artischocke darauf – und schon ist das Bild im Kopf da: eine rustikale Küche, in der jemand frisches Gemüse zubereitet! So ist aus dem sachlichen Millimeterpapier eine schöne Rezept-Illustration für ein Kochbuch entstanden.

„Wenn ich erzähle, dass ich Illustratorin bin, können sich viele darunter nichts vorstellen“, sagt Larissa Bertonasco, 38, und lächelt mit kirschrotem Mund. Ihr Job ist es, originelle Bilder für Bücher, Magazine oder die Werbung zu entwerfen. Dazu kam sie über einen Umweg: Die Wahlhamburgerin studierte zunächst vier Semester Italienisch und Kunstgeschichte, bevor sie entschied: „Über Kunst reden ist gut. Selbst malen und gestalten ist besser.“

Ein Superbild in einer halben Stunde

Heute teilt sie sich mit einer Kollegin ein Atelier in der Künstlergemeinschaft Goldbekhof, einem Hamburger Fabrikgebäude aus der Gründerzeit. Bei ihrem Schreibtisch denkt man eher an eine Kinderbastelecke als an ein Büro: Überall liegen Buntstifte, Aquarellkreiden, Pinsel und Schablonen. Hier entwirft und verwirft sie. „Manchmal produziere ich zehn Stunden nur für den Mülleimer, an anderen Tagen gelingt mir in einer halben Stunde ein Superbild.“

Morgens um halb zehn, wenn ihre Tochter in der Schule ist und sie ihren 4-Jährigen in die Kita gebracht hat, kommt sie ins Atelier. „Ich bin ein Morgenmuffel“, gesteht Larissa Bertonasco. Erst mal Kaffee kochen, die Post durchgehen. Da bestellt zum Beispiel die kirchliche Zeitschrift „Chrismon“ eine „Illu“ bei ihr, sie soll das Thema Liebesbriefe bebildern. Manchmal bekommt sie zur Inspiration den fertigen Text gleich mitgeschickt. Andere Male erfährt sie nur die Idee und beginnt, sie in eigene Bilder zu übersetzen. Gegen elf Uhr scribbelt sie meist los.

Scribbeln ist Fachjargon und bedeutet so viel wie „herumkritzeln, etwas unsauber aufschreiben“. Oder sie kramt in ihren Papierschnipseln und -ausrissen, die sie früher in Schuhkartons sammelte, heute aber längst in einem großen Hängeregisterschrank aufbewahrt. Also los, was fällt ihr zu Liebesbriefen ein? Nachdenken, ausprobieren, verwerfen, neu machen. Am Ende wird es ein Mädchen, das simst. Eine Frau, der das Wort „amore“ aus dem Mund purzelt. Ein Mann, den die Liebe per EMail erreicht. Und lauter andere Figuren in Rosarot, Gelb und Himmelblau, die ihre Gefühle in Worte fassen. Buchstaben tanzen durch fast alle ihre Arbeiten – gemalte, gestempelte oder aufs Papier gerubbelte Gedankensplitter. „Ich mag Typografie als gestalterisches Element“, sagt Larissa Bertonasco und erzählt, dass die meisten ihrer Kunden ihr gestalterische Freiheit lassen.

Ihr Rezept: eine Prise Nostalgie zugeben!

Wie Jan Weiler. Jede Woche fertigt sie für den Bestsellerautor eine Illu an. Wer Weilers Kolumne „Mein Leben als Mensch“ über seine Website abonniert, hat auch gleich Bertonasco im Abo. Da muss ihr manchmal vom Nachmittag bis zum Morgen darauf etwas eingefallen sein. Oft bekommt sie Aufträge, Kulinarisches zu illustrieren, denn damit hatte sie ihren Durchbruch. Am Ende ihres Studiums besuchte Bertonasco ein Frühjahr lang ihre italienische Großmutter. „Meine Nonna und ich haben einfach in der Küche rumgetüddelt“, erinnert sie sich. So ist zwischen Kartoffelschälen für die Gnocchi und Geschichtenerzählen ihre Diplomarbeit entstanden: eine Sammlung leckerer Gerichte und eigenwilliger Bilder, gewürzt mit einer Prise Nostalgie und italienischem „Lebensgefühlduft“.

FÜR SIE BUCH-TIPP

Bilder-Kochgeschichten

Larissa Bertonascos Erfolgsbuch „La nonna. La cucina. La vita“ ist 2010 bereits in 10. Auflage erschienen (Gerstenberg, 19,90 Euro). Leckere Gemüserezepte hat sie in „La cucina verde“ illustriert (Jacoby & Stuart, 19,95 Euro). Weitere Infos über sie: www.bertonasco.de

Das Kochbuch „La nonna. La cucina. La vita“ ist mittlerweile in der 12. Auflage erschienen. Der Erfolg hat ihr einen sanften Einstieg in die Arbeitswelt ermöglicht. Denn Bertonasco war früh klar: „Wenn man Illustration studiert, weiß man nicht, ob man damit überhaupt Geld verdienen kann.“ Ihre zweite Kochbucharbeit „La cucina verde“ wurde zur zeitlichen Herausforderung. Ihr Lebensgefährte Ari Goldmann, selbst ein Maler, hielt ihr in der Schlussphase den Rücken frei. Ein Viertel des Buchs hat sie in den letzten zehn Tagen illustriert: „Ich bin dann wie im Rausch. Es ist total anstrengend, aber ich kann auch nicht loslassen.“ In diesen Momenten ist sie ganz bei sich. Und zum Schluss manchmal selbst überrascht, was sie aus sich herausholt.