Endlich kreativ

Neustart in die Selbstständigkeit

Diese Frauen haben sich getraut. Hinter ihnen liegt ein alter Job, viel Sicherheit und vor allem: Langeweile. Vor ihnen liegt: ein neues Leben.

Drei Frauen schaffen den Sprung in die Selbstständigkeit Neustart in die Selbstständigkeit © jalag-syndication.de

„Erst jetzt habe ich das Gefühl: HIER BIN ICH RICHTIG“

Claudia Sinsteden

In ihrem Atelier kann sich Claudia Sinsteden frei entfalten – oft steht sie auch mitten in der Nacht vor der Leinwand

Malerei statt Maschinenbau: Claudia Sinsteden (50) aus Wuppertal hat sich nach 32 Jahren von ihrem erlernten Beruf verabschiedet

„Bist du verrückt? Wovon willst du denn leben! Vom Malen?!“ Viele Freunde waren geschockt, als ich ihnen vor zwei Jahren erzählte, dass ich meine Festanstellung als Maschinenbautechnikerin aufgeben würde. Sie hielten die Idee für einen Spleen: „Bist wohl in der Midlife-Crisis.“ Doch für mich stand fest: Ich kündige. Nach 32 Jahren in dem Beruf hatte ich genug. Ich war 48, bis zur Rente waren’s noch 17 Jahre!

Wie viel Zeit hatte ich in den letzten Jahren erschöpft auf dem Sofa verbracht? Mein Job war es, Trinkwasser-Armaturen zu konstruieren. Nicht die schönen Wasserhähne, die man im Bad sieht, sondern die, die sich in Kellern verstecken. Das war wenig abwechslungsreich. Und für jede meiner Ideen musste ich hart kämpfen. Ich hatte keine Kraft mehr. Ausgebrannt, müde, lustlos saß ich Abend für Abend vorm Fernseher. Oft schlief ich um 20 Uhr ein. Das konnte so nicht weitergehen. Ich wollte das machen, was in meiner Freizeit viel zu kurz kam: Ich wollte malen, wollte mein Hobby endlich zur Profession machen. Malerin war mein Traumberuf seit Kindheitstagen, aber ich hatte mich nie getraut, die Idee umzusetzen. „Brotlose Kunst“ hieß es damals.

Und das ist es ja auch. Ich bin nicht blauäugig, habe mich vor und nach der Kündigung oft gefragt: Kann ich mir das leisten? Ich habe meine Wohnung verkauft, bin bei meinem Freund eingezogen, lebe von meinen Ersparnissen. Mit der Malerei verdiene ich bisher wenig. Aber die ersten Ausstellungen liefen super, und einige Aufträge habe ich bereits erhalten.

Obwohl ich nie wieder das Gehalt haben werde, das ich mal hatte, will ich nicht zurück. Denn die Freiheit, die ich jetzt genieße, die ist unbezahlbar! Endlich kann ich meine eigenen Ideen uneingeschränkt ausleben. Endlich spüre ich: Hier bin ich richtig, hier kann ich ICH sein. Die Welt der Farben, Pinsel und Leinwände ist mein Paradies. Und jeder Tag ist anders in meinem Ein-Frau-Betrieb. Mein Leben ist so bunt, wie ich es mir immer gewünscht habe. Das beflügelt mich, macht mich zuversichtlich: Irgendwie werde ich schon meine Brötchen verdienen.

www.konstrukta-kunst.de

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Autor:
Claudia Minner