Nach Depressionen wieder Fit Leben nach dem Burnout

Claudia Böhm überwand eine Krise, die in Panikattacken gipfelte. Heute ist sie glücklich – und achtet schon auf die ersten Warnzeichen. Stressmediziner Dr. Hans-Peter Unger erklärt die Zusammenhänge.

Burnout Leben nach dem Burnout © iStockphoto

Der Tag, an dem sich ihr ganzes Leben änderte, war ein Mittwoch im August 2008. Claudia Böhm fuhr zum Einkaufen, als die Panik sie schlagartig überfiel. „Es war, als führe das Auto ohne mich. Ich war mir sicher, dass ich nicht mehr anhalten kann“, sagt die 40-Jährige, die damals als Senior-Beraterin in einer internationalen Internetagentur arbeitete. Sie riss sich mit aller Kraft zusammen, ignorierte das Herzpochen und die schweißnassen Hände und fuhr weiter — bis sie den Parkplatz des Supermarktes erreichte. Dort kaufte sie wie mechanisch ein und schaffte es gerade noch nach Hause. „Ich war nicht in der Lage, etwas anderes zu machen, als der Routine zu folgen“, sagt sie. Erst am nächsten Tag ging sie zu ihrer Hausärztin, und die schrieb sie erst einmal krank. Der Verdacht: Burnout.

Schon Wochen zuvor war Claudia Böhm ständig müde, angespannt und reizbar gewesen, Gefühle kamen kaum noch an sie heran. „Ich dachte mir: Okay, ich habe grad mal wieder Stress“, erinnert sie sich. Ihre Hausärztin erklärte ihr, dass ein Burnout keine klar definierte Krankheit ist. Sondern eine Erschöpfungsspirale — ein Prozess, der alle möglichen Nuancen annehmen kann, bis hin zu Erkrankungen wie Depression oder Herzinfarkt. Sie nahm Claudia Böhm Blut ab, um auszuschließen, dass körperliche Ursachen – wie etwa eine Fehlfunktion der Schilddrüse – die Erschöpfung auslösten. Als sich das nicht bestätigte, überwies sie Claudia Böhm in die psychiatrische Notfallambulanz eines benachbarten Krankenhauses.

„Psychiatrie – das hörte sich erst einmal heftig an“, sagt Claudia Böhm. „Doch ich war dankbar für jede Hilfe.“ Psychopharmaka wollte sie nicht nehmen, wohl aber erhielt sie ein hoch dosiertes Johanniskrautpräparat. Dreimal ging sie in den folgenden Wochen zu einer Psychiaterin in die Notfall ambulanz. Während dieser Gespräche wurde ihr klar, dass sie den Job aufgeben musste. Auch ihre Hausärztin riet ihr dazu. „Die Situation in der Firma hätte sich nicht geändert.“ Mitte November 2009 kündigte sie – nachdem sie zehn Wochen krankgeschrieben gewesen war – und fühlte sich erleichtert.

Psychische Probleme sind in Deutschland inzwischen die vierthäufigste Diagnose, wenn jemand im Job krankheitsbedingt fehlt. Untersuchungen zeigen, dass es weniger die Menge an Anforderungen ist, was erschöpft. Sondern eher, wie man damit umgeht und welche Ansprüche man meint, unaufhörlich erfüllen zu müssen.

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Autor:
Sabine Henning