Handwerksberuf Die Schirmmacherin

In unserer Serie stellen wir Ihnen einmal im Monat einen Handwerksberuf vor, der schon fast ausgestorben ist. Diesmal: die Schirmmacherin Carola Vertein aus Hamburg

Die Schirmmacherin 3 Die Schirmmacherin © Jalag Syndication

Wenn die Wettervorhersage Regen ankündigt, ist Carola Vertein glücklich. „Ich freue mich“, sagt sie und lacht. Denn bei jedem Wolkenbruch blüht nicht nur sie selbst, sondern auch ihr Geschäft auf. In Verteins Hamburger Laden stapeln sich Hunderte Schirme in den Regalen, lehnen in Ständern, stehen aufgespannt in allen Ecken und hängen wie bunte Stalaktiten von der Decke – Carola Vertein ist Schirmmacherin, eine von knapp einem Dutzend Handwerkern in Deutschland, die noch hauptberuflich aus Griff, Stock, Gestell und imprägnierter Baumwolle einen Regenschutz fertigen. „Die Arbeit macht mich glücklich“, sagt sie, „ich kann künstlerisch und produktiv sein, es stinkt nicht, ist ungefährlich, und ich sitze warm und trocken.“

In sechster Generation

Zumindest auf letzteren Vorzug musste Verteins Ur-Ur-Urgroßvater noch verzichten, als sich der Seemann Mitte des 19. Jahrhunderts für seine Frau und gegen das Meer entschied – und fortan auf dem Fischmarkt am Hamburger Hafen die Schirme der Hanseaten reparierte. Von da an waren die Geschicke der Familie über Generationen mit dem Regenschutz verknüpft. „Ein Leben ohne Schirme kenne ich nicht“, sagt die 42-Jährige. „Und ich kann es mir auch nicht schön vorstellen.“

Die ersten Handgriffe des Handwerks brachte ihr der Vater bei. Nach der Ausbildung zur Schirmmacherin arbeitete Vertein im Familienunternehmen „Schirm Eggers“. Doch als der Mietvertrag fürs Stammhaus in der Mönckebergstraße, Hamburgs Flanier- und Einkaufsmeile, nicht verlängert wurde, begann mit dem Umzug das langsame Ende der Traditionsfirma – und für Vertein eine schirmlose Existenz. Ein paar Monate hielt sie das aus, dann eröffnete sie ihren eigenen kleinen Laden „Schirm und Co.“ nur 200 Meter vom alten Geschäft entfernt.

Wenn sich Vertein dort an den Arbeitstisch setzt, lächelt sie schon, bevor ihre Hände das erste Mal ins Handwerker- Chaos greifen: Schraubstock, Fräse, Nietenzange, Zollstock und ein Mini-Bohrer teilen sich die Holzplatte. Garn hängt in dicken Rollen darüber, Regale und Schubladen beherbergen unzählige Kisten, Dosen und Schachteln, in denen die Kleinteile aufbewahrt werden. „Schirmmacher ist das beste Handwerk: Holz, Metall, Stoff, ich arbeite mit allen Materialien – wo hat man das schon?“

 

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