Die letzte ihres Standes Handwerksberuf: Die Kräuterflüsterin

In unserer Serie stellen wir Ihnen einmal im Monat einen Handwerksberuf vor, den es nur noch selten gibt. Diesmal: die Drogistin Christel Berweiler aus Stuttgart ist Kräuterflüsterin.

Christel Berweiler Handwerksberuf: Die Kräuterflüsterin © jalag-syndication.de

Für einen Hobbygärtner ist der Anblick von Christel Berweilers Beeten in Stuttgart-Mühlhausen ein Graus: Sauerampfer, Giersch, Löwenzahn und Brennnesseln gedeihen da in Reih und Glied auf insgesamt 60000 Quadratmetern Land in sorgfältig angelegten Rechtecken – Grünzeug also, das im Garten gemeinhin als eine Plage gilt, die man sofort loswerden will. Dazwischen macht sich ein Kraut breit, das aussieht wie Efeu und sicher binnen Stunden alles zuwuchern kann.

„Danke, dass du da bist“, flüstert Berweiler ihm zu. Die 51- Jährige ist eine der wenigen, die noch Ahnung hat von der Sprache der Pflanzen, den Heilkräften der Natur. Und als Drogistin alten Schlags ist sie vielleicht sogar die letzte.

Drinnen, im riesigen Gewächshaus, herrscht subtropisches Klima. Ein Plus fürs Unkraut: So vergeht es nun wirklich nicht. Minuspunkte aber für den, der die Bezeichnung „Unkraut“ in Berweilers Heilkräuter-Reich als Schimpfwort versteht. „Früher hab ich mich persönlich beleidigt gefühlt, wenn einer von Unkraut gesprochen hat“, sagt sie. „Heute weiß ich: Es ist eine Auszeichnung! Man braucht extrem viel Power, um so genannt zu werden.“ Der wuchernde Efeu zum Beispiel heißt in Wahrheit Jiaogulan, ist ein winterhartes Kürbisgewächs und enthält mehr wirksame Ginsenoside als Ginseng selbst. „Ein wichtiger Begleiter in der modernen Krebstherapie“, sagt Berweiler.

Und weil ihr das Kraut vorhin im Zwiegespräch erlaubt hat, es zu ernten, darf der Gast jetzt ein Blatt probieren: Zimt! Lakritze! Rasierwasser! Alles auf einmal auf der Zunge. Noch Minuten später ist der Mund wie taub, aber der ganze Mensch viel fitter. Aus Respekt vor solchen Leistungen nennt Berweiler ihr Unkraut liebevoll „meine besonders wilden Wildkräuter“.

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Autor:
Barbara Höfler