Bella Italia Auf der Vespa durch Rom

Rom und die Vespa – eine große Liebe, die keine Spur von Rost angesetzt hat: Mit den Kultrollern geht’s jetzt auf Sightseeing-Tour.

Auf der Vespa durch Rom © Frank Heuer

Man kann gar nicht verstehen, wie so viel Brautkleid auf dem Ledersitz der alten Vespa Platz gefunden hat. Nun steht die junge Frau, umgeben von cremeweißen Chiffonwolken, vor der Kirche. Hinter ihr parkt fotogen der historische Roller, im Nacken der Braut blitzt ein Tattoo unter der Hochsteckfrisur. Wie hat sie die nur unter dem Helm hervorgezaubert? Schon erklingt Musik aus der runden Kirche Santo Stefano Rotondo auf dem Celio, einem der sieben Hügel Roms. Der Altar steht in der Mitte, die Menschen versammeln sich im Kreis. Valerio Caffio sagt, wenn ich mal heirate, dann auch da, umgeben von der Gemeinde, das sei doch viel schöner, so mitten im Leben, als der übliche Frontalgottesdienst. Und zur Trauung würde er natürlich auch mit seiner geliebten Oldtimer-Vespa vorfahren.

Vespa in Rom
Wer in Santo Stefano heiraten will, muss sich normalerweise auf eine Warteliste setzen lassen. Aber Valerio kennt den Pfarrer. Valerio setzt den Helm auf, startet seine Vespa „Faro Basso“ und fragt: „Fahren wir weiter?“ In der nächsten Kirche kennt er die Pförtnerin, er kennt viele Menschen in Rom. Valerio führt Touristen durch die Stadt, aber nicht in diesen offenen Doppeldeckerbussen, die eine Pest sind und die Straßen der Stadt verstopfen. Sondern auf der Vespa, hinter ihm sitzend oder ihm als Selbstfahrer folgend: „Wir verleihen auch Roller“, sagt er. Aber der Verkehr sei natürlich enorm, und stille Straßen finde nur, wer sich auskennt.

Kaiser, Päpste und Neuseeländer

Durch dieses „Rom für Kenner“ führt unsere Tour am Samstagvormittag, ein neuseeländisches Ehepaar hat sie gebucht. Die beiden fahren Valerio und mir auf einem zweiten Roller hinterher. Wir halten vor der nächsten Kirche, Santi Quattro Coronati. Die Pförtnerin ist eine Augustiner-Chorfrau und lebt hier mit anderen Ordensfrauen in Klausur. Valerio spendet einige Euro, die Tür zum Oratorio di San Silvestro summt und springt auf. Der kleine Raum ist mit wunderschönen Fresken ausgemalt. Sie erzählen von der Konstantinischen Schenkung, mit der die Macht der Päpste begonnen hat. Im vierten Jahrhundert, so zeigen es die großflächigen Bilder, soll der römische Kaiser Konstantin Papst Silvester und all seinen Nachfolgern die politische Oberherrschaft über Rom, Italien und den Westen des Römischen Reiches übereignet haben. Valerio erzählt kurz und spannend, dann fügt er hinzu: „Das ist alles nicht wahr.“

Nichts als Geschichtsfälschung erster Güte, eine im achten Jahrhundert getürkte Urkunde, mit der die Päpste ihren Anspruch auf Ländereien und ihre Vormachtstellung unter den Christen begründet hätten. Die Neuseeländer fallen von einem Erstaunen ins nächste. Dass es Gebäude gibt, die vor 1600 Jahren gebaut wurden, „das können wir gar nicht fassen“, sagt der Mann. „Auf unser Land hat ja erst vor etwa 700 Jahren der erste Mensch einen Fuß gesetzt.“ Am Ausgang der Kirche zeigt Valerio auf eine kleine Holztrommel in der Mauer. Da klopfte man einst an, die Schwestern drehten die Trommel mit der Öffnung zum Besucher – und der legte das neugeborene Mädchen hinein. Eine Art Babyklappe, die dem Frauenkloster den Nachwuchs sicherte. Die ungewollten Kinder fanden bei den Schwestern ein liebevolles Zuhause.

Wir sitzen wieder auf, es geht zur Via Appia. Auf historischen Straßen mit ebensolchen Rollern. Eine holprige Fahrt: Im Basaltpflaster aus dem vierten Jahrhundert haben sich Spuren zahlloser Räder eingegraben. Valerios „Faro Basso“ ist Baujahr 1953, ein begehrtes Sammlerstück, aus erster Hand gekauft. Der Vorbesitzer, 1925 geboren, fuhr den Roller bis 2001. „Der Motor ist top, auch nach mehr als 50 000 Kilometern“, erzählt Valerio. Nur die Karosserie habe er restauriert. Ist es anstrengend, eine historische Vespa zu fahren? Nein, antwortet er, für ihn, gerade einmal 33 Jahre alt, sei das eine Ehre: „Auf solchen Modellen hat schon mein Urgroßvater gesessen.“

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Autor:
Barbara Schäfer