Unterschied

Wein: Kork- oder Schraubverschluss?

Der Herausgeber des Effilee Magazins Vijay Sapre über den richtigen Weinverschluss. Denn ob Weinkenner oder Gelegenheitsgenießer, so manche stellen sich die Frage wie der Wein besser schmeckt. Mit Kork- oder Drehverschluss?

Weinflasche Wein: Kork- oder Schraubverschluss? © istockphoto

Der allerdümmste Spruch ist ja dieses Im Wein liegt Wahrheit. Was soll das heißen? Dass Säufer ehrlicher sind? Wohl kaum, auch in weinseliger Stimmung kann man trefflich Intrigen zusammenlallen. Und der Wein selbst? Was macht einen ehrlichen Wein aus? Man redet sich ja gern ein, der Wein sei ein Naturprodukt, dabei handelt es sich um eine kulturelle Errungenschaft, die ständigem Wandel unterworfen ist. Was man am Ende im Glas hat, wird von der technologischen Entwicklung genauso beeinflusst wie von der Veränderung des Klimas. Manche dieser Entwicklungen, Temperaturkontrolle zum Beispiel oder Stahl- und Betontanks, gehen eher im Verborgenen vor sich, nämlich im Keller des Winzers, andere liegen offen zutage. Vor allem eine: der Verschluss. Und spätestens hier scheiden sich die Geister.

Weisswein

Deckel drauf: der gleiche Wein, aber welche Kraft und Frische!

Denn natürlich haben wir den Kork lieb gewonnen. Ohne Kork gäbe es Wein, so wie wir ihn kennen, gar nicht. Vor dem Aufkommen der Glasflaschen – die mit Korken verschlossen wurden – wurde der Wein recht jung aus dem Fass getrunken. Auf die Idee, ihn Jahre, gar Jahrzehnte zu lagern, den Wein die Zeit überdauern zu lassen, wäre niemand gekommen. Vermutlich hat sich auch keiner daran gestört, wenn hin und wieder mal eine Flasche gekorkt hat, das war allemal besser als Essig.

Der Korken hat also unser Bild vom Wein geprägt, er hält dicht, oft über viele Jahre, lässt dabei einen gewissen Luftaustausch zu, ohne den der Wein ganz anders altern würde. Nicht zu vergessen der rituelle Aspekt: das Aufschneiden der Kapsel, das Eindrehen des Korkenziehers, das vorsichtige Ziehen und die erste Prüfung mit der Nase. Oder aber das Knallen eine Champagnerkorkens – man stelle sich die Formel1 mit Schraubverschluss vor …

Wichtig ist auch, dass der Korken als Naturprodukt dazu führt, dass selbst identisch gelagerte Flaschen sich im Laufe der Jahre unterschiedlich entwickeln. Gerade bei ganz großen Weinen wird so jede Flasche zu einem Individuum, mit dem sich auseinanderzusetzen das eigentliche Vergnügen bei solchen Weinen ausmacht.

Rotwein mit Kork

Originalverkorkt: ein toller Wein, reif und zurückhaltend

Eigentlich gibt es nur zwei Probleme mit dem Korken: Er ist teuer und manchmal nicht ganz zuverlässig. Gute Korken kosten bis zu einen Euro pro Stück, bei manchem Supermarktwein wäre das mehr, als für den Inhalt der Flasche beim Erzeuger ankommt. Und dann gibt es das Problem mit dem korken: Unter bestimmten Umständen entsteht auf dem Kork die Substanz 2,4,6-Trichloranisol, kurz TCA. Die riecht und schmeckt unangenehm muffig und kann schon in winzigen Mengen das Trinkvergnügen ruinieren.

Die Winzer, die einerseits einen hohen Preis für den Korken bezahlen und andererseits immer wieder mit Reklamationen konfrontiert werden, sind natürlich seit Langem auf der Suche nach Alternativen und langsam aber sicher setzt sich auch in Europa die Erkenntnis durch, dass ein Schraubverschluss kein Zeichen für einen billigen, qualitativ minderwertigen Wein sein muss. Der Graue Burgunder SJ vom Weingut Karl H. Johner ist ein Wein der oberen Mittelklasse. Kraftvoll, süffig und durchaus nicht nur als Begleiter für Fischgerichte geeignet, selbst zu einem Lammkotelett kann er spannende Akzente setzen. Das Weingut hat 2004 komplett auf Schraubverschlüsse umgestellt, aber von 2003 gibt es auch noch Flaschen mit Korken. Das Ergebnis der kleinen Parallelverkostung war beeindruckend. Dass sich derselbe Wein, aus demselben Fass gewissermaßen, optimal beim Winzer gelagert, so unterschiedlich präsentieren könnte, konnte keiner erwarten: Von der Struktur war die Verwandtschaft noch zu erkennen, der Wein aus der Flasche mit Korken hatte durchaus seine Qualitäten, aber der Wein aus der Flasche mit Schraubverschluss war so viel frischer und energetischer und dabei sogar harmonischer, dass man Patrick Johner gern glauben möchte, wenn er sagt: "Wir haben damals auch Kunden verloren ,die den Schraubverschluss nicht akzeptiert haben. Aber mittlerweile haben wir alle wiedergewonnen."

aus Effilee 21/Sommer 2012

 
Schlagworte: