Vertrauensärzte

Sind Nahrungsergänzungsmittel gesund?

Nahrungsergänzungsmittel und Nahrungsmittel mit Zusätzen sind in fast jedem Haushalt zu finden. Die empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag schafft man im schnelllebigen Alltag ja auch kaum. Aber müssen wir unsere normale Ernährung wirklich mit Pillen und außergewöhnlich drehenden Milchsäuren aus dem Supermarkt unterstützen?

Nahrungsergänzungsmittel Sind Nahrungsergänzungsmittel gesund? © Punk8268

Brauchen wir Zusätze im Essen?

Hand aufs Herz – ernähren Sie sich stets ausgewogen und gesund? Sie müssen sich nicht schämen, wenn Sie’s nicht tun. Ich genehmige mir auch eine Currywurst, wenn ich zwischen zwei Herzkatheter-Terminen mal wieder keine Zeit für ein vernünftiges Mittagessen habe. Und fünfmal am Tag Obst und Gemüse – wer schafft das schon auf Dauer? Das weiß auch die Lebensmittelindustrie und hat sich etwas einfallen lassen, um unser schlechtes Ernährungsgewissen zu beruhigen: Milchprodukte, die angeblich die Abwehr stärken, Wasser für die Muskeln und, und, und... Ob das alles so stimmt, was da behauptet wird, hat noch niemand so richtig mit klinischen Endpunktstudien nachgeprüft.

Tausende solcher Aussagen, „Health Claims“ genannt, liegen zwar auf den Schreibtischen der EU-Behörden. Weil die aber derart überschüttet wurden mit Zulassungsanträgen, sind nur ganz wenige bisher abgesegnet und erlaubt. Ich persönlich bezweifle selbst bei den genehmigten „Lebensmitteln mit Gesundheitseffekt“ den Nutzen, sehe bei einigen sogar Gefahren. Denn entweder kann ich mir als Gesunder so einen Brotaufstrich mit Zusatzeffekt unbesorgt auf die Stulle schmieren. Dann hat er offenbar keine Wirkung gegen Krankheiten, und der Health Claim ist schlicht falsch. Oder er wirkt tatsächlich. Dann gehört er aber nicht in den Supermarkt, sondern doch wohl eher in die Apotheke. Dort – und nur dort! – sollte nämlich bitte alles stehen, was therapeutische Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat. Solche „Medizinprodukte“ müssen nämlich strenge Prüfungen durchlaufen und werden zudem mit einem Beipackzettel geliefert, den man tunlichst genau lesen sollte.

Auch Vitamine können schaden

„Was aber ist mit Vitaminen und Mineralstoffen?“, fragen Sie jetzt vielleicht. „Davon kann man doch nie genug haben!“ Irrtum, man kann. Nehmen wir zum Beispiel Kalzium. Gut und sinnvoll für die Knochen, sicher. Aber zu viel davon kann zur Verkalkung Ihrer Blutgefäße beitragen. Eine Überdosis Magnesium ist zwar weniger gefährlich, aber der Durchfall, den sie möglicherweise auslöst, ist ja nicht gerade eine Freude. Vitamin D in rauen Mengen kann den Nieren schaden, ebenso Vitamin C. Diese Liste ließe sich noch lange weiterführen. Fakt ist, dass wir Produkte mit Zusätzen schlicht nicht brauchen. Das hat sogar die zuständige Behörde für Lebensmittelsicherheit festgestellt: In Europa herrscht kein Mangel an Vitalstoffen. Die stecken in ganz normalen Nahrungsmitteln – einige davon sogar in der Currywurst. Und falls Sie dennoch das Gefühl haben, Vitamine, Mineralien oder sonstige Extras zu brauchen, dann fragen Sie bitte Ihren Arzt – und nicht Ihren Lebensmittelhändler.

Professor Jürgen Schäfer
ist vielfach ausgezeichneter Akademischer Direktor der Uniklinik Marburg. Zu seinen Fachbereichen gehören u. a. Kardiologie, Innere und Intensivmedizin. Zudem ist er Buchautor („Housemedizin“, Wiley, 16,95 Euro). Sein Arbeitsmotto: „Medizin muss heute fachübergreifende Teamarbeit sein“.

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