Vertrauensärzte

Der Patient, der nichts mehr hörte

Ein Satz der Ehefrau rettete ihm das Leben - Vertrauensarzt Prof. Schäfer erklärt die lang unaufgeklärte Ursache des Falls.

Ohr Close-Up Der Patient, der nichts mehr hörte © Tetra images/ Thinkstock

Sicher kennen Sie auch Männer, die genervt sind, wenn sich ihre Frauen ständig einmischen. Genau das aber kann Leben retten, wie ich bei einem meiner ungewöhnlichsten Fälle erfuhr: Zwei Jahre ehe der Patient uns zugewiesen wurde, war er gestürzt. So unglücklich, dass sein künst liches Hüftgelenk zersplitterte. Er bekam ein neues – statt aus Keramik nun eines aus Metall. Ein paar Wochen später wurde der 56-jährige Bauunternehmer schwer krank. Seine Schilddrüse arbeitete nicht mehr richtig. Die Magenschleimhaut entzündete sich. Sein Herz wurde schwächer, er hörte und sah schlechter. Er wurde zum Pflegefall. Und wie in der TV-Serie „Dr. House“ standen die Ärzte lange fassungslos daneben, ohne eine Ursache zu finden. Als er zu uns kam, funktionierte sein Herz kaum noch. Und er verstand trotz Hörgerät so gut wie nichts mehr.

Also redete seine Frau. „Alles begann mit der neuen Hüfte“, erklärte sie. Dieser Satz brachte mich auf die Idee. Als die Keramik prothese zerbrach, so  mein Gedanke, mussten Tausende winzige Splitter ins Gelenk gekommen sein. Das Problem: An der neuen Metallprothese, die er als Ersatz bekam, rubbelten die Splitter der alten Kobalt ab. Zu viel dieses Schwermetalls aber kann den ganzen Körper vergiften. Unter anderem produziert dann die Schilddrüse nicht mehr genug Hormone. Herz und Lunge werden schwach, der Blutfluss ist gestört. Als Folge treten unterschiedlichste Beschwerden wie zum Beispiel Schmerzen, Ohrensausen, Sehstörungen und Schwin del auf. Die Kobaltbestimmung in Blut und Urin des Patienten bestätigte den Verdacht. Und die erneute Hüft-OP zeigte: Das Metallgelenk war von den Splittern abgerieben. Der Mann bekam eine neue Keramikprothese, und die meisten Beschwerden besserten sich langsam. Auch sein Herz wurde wieder kräftiger. Übrigens: „Dr. House“ musste im Fernsehen einmal einen ähnlichen Fall lösen. Nur hatte seine Patientin keinen aufmerksamen Partner an ihrer Seite – was es für den TV-Arzt um einiges schwerer machte.

Prof. Jürgen Schäfer Der akademische Direktor der Uni-Klinik Marburg ist unter anderem Kardiologe und Internist. Seine ungewöhnlichen Fälle beschreibt er im Buch „Housemedizin“ (Wiley, 16,95 Euro). Sein Motto: „Medizin muss heute fachübergreifende Teamarbeit sein“

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