Verrückt werden bei klarem Verstand Zwangserkrankungen

Haare zwirbeln, Hände waschen, Herd kontrollieren – bei Zwangskranken werden an sich harmlose Ticks zur Qual

Zwangserkrankungen Zwangserkrankungen © Gina Sanders-Fotolia

Vor zehn Jahren, als es mit ihrem Zwang am schlimmsten war, konnte Sylvia Kalix nur noch außerhalb ihrer Wohnung ein normales Leben führen. Zu Hause war sie fast ausschließlich mit Putzen beschäftigt: Täglich räumte sie die Schrankwand im Wohnzimmer aus und reinigte den gesamten Inhalt. Wenn sie sich Essen in der Mikrowelle warm machte, schrubbte sie das Gerät anschließend zwei Stunden lang. Setzte sich ihr Mann oder eines der beiden Kinder aufs Sofa, hat Sylvia Kalix es feucht abgebürstet. Dann war es den ganzen Tag so nass, dass sich niemand mehr setzen konnte. Besuch durfte sowieso nicht kommen. Irgendwann war das Wohnzimmer Sperrgebiet für die Familie, die Küche ebenso. „Wir haben jeden Abend in Gaststätten gegessen, das ging auf Dauer finanziell natürlich nicht“, erinnert sich die 46- Jährige. Die Frühstücksbrote für sich und ihre Familie schmierte sie im Keller, wo mittlerweile auch ein Kühlschrank stand. Gegessen wurde unterwegs. Wie Sylvia Kalix es geschafft hat, ihren Fulltime-Job als medizinische Dokumentationsassistentin, ihre Familie und die stundenlangen Reinigungsrituale zeitlich unter einen Hut zu bringen, kann sie heute selbst nicht mehr sagen. Geschlafen hat sie in dieser Zeit manchmal nur ein, zwei Stunden pro Nacht. Stattdessen wurde geputzt. Heimlich zunächst. „Mich sollte niemand dabei erwischen, weil ich mich schämte. Ich wusste ja, dass es Unsinn ist, was ich tue.“ Es sei wie eine Spirale, in die man hineinrutscht und aus der man sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien kann. „Ich wusste nicht, dass ich krank bin“, sagt Sylvia Kalix. „Ich dachte, ich sei verrückt.“ Nach zehn Jahren hat sie therapeutische Hilfe gesucht, weil sie sich in ihren eigenen vier Wänden und in ihrer Haut schon lange nicht mehr wohlfühlte.

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Autor:
Sabine Franz