Analyse des Erbguts und die Folgen Was Gen-Tests verraten

Eine Untersuchung der Gene kann zeigen, ob wir vererbbare Krankheiten in uns tragen – doch solche Vorhersagen bergen oft große Risiken

Gentest Was Gen-Tests verraten © Alan John Lander Phillips - iStockphoto

Esther Dyson, Journalistin und Internet-Unternehmerin in den USA, hat etwas Ungewöhnliches getan: Sie stellte ihre komplette Gen-Analyse ins Netz. Inklusive Foto, Krankengeschichte und intimer Details aus ihrem Leben – was sie zum gläsernen Menschen macht. Und zum Forschungsobjekt. Die 59-Jährige unterstützt mit ihrer Chromosomen-Vita das „Personal Genome Project“ von Harvard-Professor George Church. Der Wissenschaftler untersucht den Zusammenhang von Erbanlagen und Persönlichkeit, dafür sammelt er die Daten von 100 000 Menschen. Weltweit arbeiten Forscher an ähnlichen Projekten. Das Ziel: Krankheiten besser zu verstehen, frühzeitig zu erkennen und passgenaue Therapien zu entwickeln. Denn an unseren Genen kann man feststelliche len, wie groß das Risiko ist, an bestimmten Krebsformen, Alzheimer oder Nervenleiden zu erkranken. Macht es also Sinn, sich testen zu lassen?

VIELE PROGNOSEN SIND UNGENAU Der Anteil der Gene, die uns Menschen unterscheiden, ist minimal: Es sind gerade mal 0,1 Prozent unseres Erbguts. Diese winzigen Veränderungen im Bauplan bestimmen Augen-, Haut- und Haarfarbe, können aber auch für gesundheitliche Schäden verantwortlich sein. Einige Erbkrankheiten sind so gut erforscht, dass man ihnen heute mit Gen-Tests auf die Spur kommen kann: Ein Röhrchen mit Speichel oder ein Abstrich mit Zellen aus der Wangenschleimhaut reichen aus. Die Analyse im Labor zeigt hinterher, ob wir riskante Krankheiten in uns tragen. Beispiel Chorea Huntington: Die vererbbare Nervenkrankheit lässt sich zu fast 100 Prozent voraussagen. Denn verursacht wird sie durch ein einziges mutiertes Gen.

Bei Volkskrankheiten wie Diabetes, Herzschwäche oder Gelenk-Arthrose führt die gleiche Untersuchung zu wesentlich ungenaueren Prognosen. So kommen bei erblichem Brust- und Eierstockkrebs immer mehrere Gene infrage. Hier kann ein Test immerhin noch eine Sicherheit von maximal 80 Prozent bieten. Krebsleiden sind aber auch ein Beispiel für die Grenzen der Gen-Tests: Bis zu 95 Prozent sind nicht erblich bedingt, sondern von der Lebensführung und Umwelteinflüssen abhängig, etwa Zigaretten- und Alkoholkonsum und Bewegungsbereitschaft.

„Nur wenn ein Defekt festgestellt wird, ist gezielte Früherkennung möglich“, erklärt Dr. Dorothea Gadzicki vom Institut für Zell- und Molekularpathologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Zu ihr kommen Patienten, bei denen der Hausarzt den Verdacht auf eine Erbkrankheit hat. Gadzickis Job ist es, diese Menschen zunächst zu beraten und ihnen die Resultate ausführlich zu erläutern.

Eine heikle Angelegenheit, denn nicht immer ist es ein Segen, um die Zukunft der eigenen Gesundheit zu wissen. „Vor der Untersuchung sollte man sich mit den möglichen Folgen des Ergebnisses auseinandersetzen“, sagt die Expertin. „Für sich und seine Familie.“ Man muss abwägen: Wie wichtig es ist es mir, mein Krankheitspotenzial zu kennen? Bin ich dazu bereit, unter Umständen mit der permanenten Angst zu leben, Krebs oder Alzheimer zu bekommen?

 

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Autor:
Uta König