Kolumne Amelie Fried Paradies für Hypochonder

Wenn ihr was wehtut, recherchiert Amelie Fried gern im Internet. Danach ist sie erst richtig krank

Frau vorm Computer Paradies für Hypochonder © iStockphoto

Haben Sie Rückenschmerzen? Husten? Eine Schwellung im Halsbereich? Dann gehen Sie um Gottes willen bitte nicht ins Internet, um herauszufinden, was Ihnen fehlt. Denn dort werden Sie erfahren, dass Sie mit größter Wahrscheinlichkeit an Nierenversagen, offener Tuberkulose oder einem bösartigen Tumor leiden und sich ihre Lebenserwartung soeben drastisch verkürzt hat.

Sensiblen Menschen schlagen solche Voraussagen aufs Gemüt, und das Internet ist voll von düsteren Propheten, die harmlosen Hypochondern wie Ihnen und mir Todesangst einjagen! Man muss sich nur in einem dieser sogenannten Gesundheits-Foren einloggen und eine harmlose Frage à la „Mich juckt es neben dem rechten Auge, hat jemand eine Ahnung, was das sein kann?“ stellen, schon bekommt man massenhaft Vorschläge, welch seltene, schwere Krankheit einen da befallen haben könnte.

Weitere interessante Beiträge:
Gefühle können den Körper krank machen

Das Internet sagt nicht immer die Wahrheit. Hier erfahren Sie mehr: 

 

 Hypochondrie  
Die Gefahr einer falschen Selbstdiagnose 
 Gefühle können den Körper krank machen

Weitere Beiträge zum Thema Gesundheit finden Sie hier>>

Von einer psychosomatischen Allergie gegen den Lebenspartner bis zu Parasiten, die sich unter der Haut eingenistet haben, bleibt keine noch so abwegige Möglichkeit unerwähnt. Dass man wahr scheinlich nur von einer Mücke gestochen wurde, wird nicht einmal in Erwägung gezogen. Ein harmloser Reizhusten wird zum Symptom für eine Lungenentzündung, deren Erreger vor Kurzem nach Europa eingewandert und gegen jegliches Medikament resistent ist. Und morgendliche Übelkeit weist nach Meinung der apokalyptischen Internet-Diagnostiker eher auf die Autoimmunkrankheit Hashimoto als auf eine Schwangerschaft hin.

Neulich wachte ich morgens auf und hatte Schmerzen unterhalb des Ohres. Ich dachte mir nichts dabei, bis mir beim Frühstück schlagartig beide Wangen anschwollen. Innerhalb von Sekunden sah ich aus wie ein Hamster, der seinen Jahresvorrat in den Backentaschen verstaut hat. Panisch begann ich, das Internet zu durchsuchen. Hatte ich Mumps und musste womöglich mit einer Hirnhaut- oder Gehirnentzündung rechnen? Oder war es gar Hodgkin oder eine andere bösartige Geschwulst?

Auf jeden Fall war klar, dass es sich um eine lebensbedrohliche Erkrankung handelte, denn mit den angeschwollenen Wangen konnte ich nicht mehr kauen und schlucken. Es wäre also nur eine Frage der Zeit, bis ich verhungern würde. Schließlich fand der Arzt heraus, dass es sich um eine Entzündung der Ohrspeicheldrüse handelte, die übrigens nach wenigen Tagen abgeklungen war. Und von wegen verhungern: Nicht mal abgenommen habe ich!

 
Schlagworte:
Autor:
Amelie Fried