Medizin

Leben retten: Organspende

Annett Pöpplein weiß, was eine Transplantation bewirken kann. Ihr Sohn Jens kam mit einem Herzfehler zur Welt. Ein Spenderorgan rettete ihm das Leben.

Organspende Leben retten: Organspende © Dynamic Graphics, Getty Images

Die Station „Czerny“ der Gießener Kinderklinik ist noch heute wie ein zweites Zuhause für den 14-jährigen Jens. Der Sohn von Annett Pöpplein war mit einem seltenen und komplizierten Herzfehler zur Welt gekommen und musste zahlreiche Operationen überstehen. Retten konnte ihn schließlich nur eine Transplantation. Seine Mutter engagiert sich seitdem für den Bundesverband Herzkranke Kinder e.V. und setzt sich für Organspende ein.

FÜR SIE: Frau Pöpplein, hatten Sie einen Organspendeausweis, bevor Jens’ Herzfehler festgestellt wurde?

Annett Pöpplein: Nein, über Organspende hatte ich mir bis zu Jens’ Herztransplantation nie Gedanken gemacht.

Da ging es Ihnen offenbar wie vielen. Nur jeder fünfte Deutsche besitzt einen Ausweis, obwohl 75 Prozent zur Spende bereit wären. Wie kann man das ändern?

Dass viele Menschen lange auf ein Spenderorgan warten müssen, liegt nicht allein an der Bereitschaft. Auch die Situation in den Krankenhäusern ist schuld. Kommt ein verstorbener Patient für eine Organspende infrage, muss sein Körper bis zur Organentnahme auf der Intensivstation maschinell beat met und der Kreislauf aufrechterhalten werden – manchmal tagelang. Es gibt Kliniken, die diesen Aufwand scheuen, zumal das Bett des Organspenders möglicherweise für andere Patienten gebraucht wird. Aber auch der Umgang mit den Angehörigen eines möglichen Organspenders ist nicht immer einfühlsam genug. Mehr als die Hälfte der Familien lehnt in dieser Situation eine Organspende ab. Das hat auch damit zu tun, dass der Großteil unseres Intensivpersonals nicht gut genug auf solche schwierigen Gespräche vorbereitet ist und sie deshalb scheut.

Dass die Krankenkassen demnächst jeden Versicherten persönlich fragen, ob er Organspender werden will, reicht also nicht aus?

Wie gesagt, auch in den Kliniken muss sich etwas tun. Die Anschreiben bewirken aber zumindest, dass sich mehr Menschen mit dem Thema beschäftigen. Es gibt viele falsche Vorstellungen. Zum Beispiel, dass Ärzte einen Patienten vorschnell für tot erklären würden, um an ein Herz oder eine Niere zu kommen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Die Klinik, in der die Organe entnommen werden, hat am wenigsten von der nachfolgenden Transplanta - tion. Sie hat ja auch keinen Einfluss darauf, wohin die Organe letztendlich vermittelt werden. Außerdem müssen sich die Kliniken bei der Hirntoddiagnostik – und der Hirntod ist in Deutschland Voraussetzung für eine spätere Organentnahme – strikt an die gesetzlichen Vorgaben halten. Und die sind sehr streng.

Zurzeit wird auch viel über die „Widerspruchsregelung“ diskutiert. Demnach wäre jeder automatisch Spender – es sei denn, er lehnt es ausdrücklich ab.

Das ist die falsche Lösung, wenn damit die Gefühle der Angehörigen ignoriert werden, die das möglicherweise nicht wollen. Allerdings werden sie auch in Ländern mit Widerspruchsregelung nicht automatisch übergangen. So werden etwa in Spanien, dem Land, das weltweit die höchsten Spenderzahlen hat, die Angehörigen vom Klinikpersonal vorbildlich betreut. Wir können nur mit einem solchen professionellen Umgang und sehr viel Aufklärung weiterkommen. Zum Beispiel, indem wir die Informationsbroschüren und das Info-Telefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) noch bekannter machen. Ideal wäre es, wenn die Themen Hirntod und Organspende auch schon in der Schule behandelt würden.

Wo gibt’s den Pass als Organspender?
  • Infos zum Thema Organspende und den scheckkartengroßen Spenderausweis zum Downloaden finden Sie im Internet unter www.organspende-info.de.
  • Beratung gibt es auch über die gebührenfreie DSO-Telefonnummer 08 00/9 04 04 00.
  • Tipp: Informieren Sie Ihre Angehörigen über Ihre Entscheidung. Denn an sie wird man sich im Ernstfall zuerst wenden.

Oft warten Patienten jahrelang auf eine Transplantation. Wie viele Menschen müssten sich denn zur Spende bereit erklären, um das zu ändern?

Im Prinzip kann es gar nicht genug geben. Es kommt nämlich nur ein ganz kleiner Teil der Verstorbenen für eine Organentnahme überhaupt infrage: Das sind Menschen, die bereits auf einer Intensivstation liegen und bei denen der Hirntod unzweifelhaft festgestellt wurde. Das sind unterm Strich aber nur 0,5 Prozent aller Todesfälle.

Wie genau muss ein Organ denn „passen“? Bekam Jens das Herz eines Gleichaltrigen?

Es müssen vor allem die Blutgruppen übereinstimmen. Bei Jens kam es zusätzlich auf die Größe des Herzens an. Es musste in den Brustkorb passen. Wir werden niemals erfahren, wer der Spender war. Bei Jens, der damals fünf Jahre alt war, könnte es durchaus auch ein älteres Kind gewesen sein, denn Jens’ krankes Herz war sehr groß.

Ist das neue Herz inzwischen ein Teil seines Körpers geworden?

Von außen betrachtet auf jeden Fall. Er lebt wie andere 14-Jährige auch, ist topfit und mitten in der Pubertät. Aber er wird sein Leben lang alle drei Monate zur Untersuchung ins Herzzentrum gehen müssen. Und er wird immer Medikamente brauchen, die sein Immunsystem unterdrücken. Sonst würde sein Körper das Organ abstoßen. Dankbar werden wir alle bis zu unserem Ende sein – diesem Kind und seinen Eltern, die uns das größte Geschenk gemacht haben, das es gibt. Erst vor Kurzem habe ich erfahren, dass man den Angehörigen des Organspenders über die DSO einen anonymen Dankesbrief zukommen lassen kann. Das werde ich jetzt ganz schnell tun.

Zum Weiterlesen: In ihrem Buch „Das halbe Herz“ erzählt Annett Pöpplein die Überlebensgeschichte ihres Sohnes (dtv Premium, 14,90 Euro)

 
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Autor:
Dagmar Metzger