Neue Therapien Hilfe bei Migräne

Jahrelang nach dem Auslöser von Migräne oder anderen Attacken zu suchen zermürbt. Dabei geben neue Therapien große Hoffnung.

Migräne Hilfe bei Migräne © iStockphoto

Beim Aufwachen war der Schmerz plötzlich da: So brutal, als würde in ihrem Kopf ein Presslufthammer wüten, er trieb ihr die Tränen in die Augen. Leonie Ehrhardt, damals 19 Jahre alt, fuhr trotzdem zur Arbeit. Denn in einem der besten Hamburger Hotels an der Elbchaussee hatte sie gerade erst ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau begonnen. Der Tag ging, der Schmerz blieb. Die Mutter brachte Leonie ins Krankenhaus, wo ihr der Arzt ein Morphin spritzte und sie sofort an den Neurologen überwies. Dessen Diagnose lautete am nächsten Morgen: Migräne. Leonie Ehrhardt ahnte damals nicht, wie grausam die nächsten Jahre für sie werden würden. Denn ab diesem Tag im Mai 2006 gehörte die junge Frau zu den rund zehn Millionen Menschen in Deutschland, die an chronischen Schmerzen leiden, zumeist im Kopf, im Rücken, in Gelenken oder in Nervenbahnen. Doch mittlerweile gibt es für immer mehr Patienten Hoffnung auf Schmerzfreiheit – durch neue Therapien und Medikamente.

„Was es bedeutet, mindestens jeden dritten Tag mit zermürbenden Schmerzen zu kämpfen, kann sich ein gesunder Mensch nicht vor - stellen“, sagt Professor Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel. Leonie Ehrhardts Leben änderte sich nach der Migräne-Diagnose radikal: Sie versuchte zu arbeiten, doch jedes Tellerklappern im Hotel wurde zur Explosion im Kopf, Tageslicht brannte wie Säure in den Augen. Schmerzblitze durchzuckten sie, wenn sie den Kopf nach rechts oder links wendete, ihr Körper wehrte sich mit Übelkeit und Erbrechen. Krankschreibungen häuften sich. Schließlich schrieb der medizinische Dienst der Krankenkasse sie arbeitsunfähig. Für Leonie Ehrhardt schwanden ohne ihre Ausbildung alle Zukunftsperspektiven: „Dabei stand ich doch am Anfang meines Berufslebens.“

Der Neurologe experimentierte mit Medikamenten, die sie jeweils drei Monate lang nahm und dann wechselte. Der Arzt verbot ihr Sport. Weil sie Angst hatte vor der nächsten Attacke, verspannten sich Nacken- und Halsmuskeln, typische Reaktion auf Panik. „An 15 Tagen im Monat hatte ich Migräne, an den anderen Spannungskopfschmerzen.“ Die Pillen hatten Nebenwirkungen. „Ich war nur noch müde. Von einem Medikament nahm ich 25 Kilo zu, beim nächsten hatte ich null Appetit.“

SO FINDEN SIE DEN RICHTIGEN THERAPEUTEN

Ihre Eltern geben mehrere tausend Euro aus, um die rettende Therapie für ihre Tochter zu finden, für Chiropraktiker, Osteopathen, Ärzte aller Fachrichtungen. „Ich war bei drei Augenärzten, vier Orthopäden, diversen Psychotherapeuten. Es folgten Computer- und Kernspintomografien, ohne Erfolg. Ein Gefühl der Verzweiflung, wenn dir niemand helfen kann“, erinnert sich Leonie Ehrhardt. Irgendwann riefen die Freunde nicht mehr an, um sich mit ihr zu treffen. „Ausflüge machen, Spaß haben, das ging nicht mehr.“ Wann naht der Schmerz? Im Alltag gab es nur noch die Konzentration auf die Krankheit.

Ein Teufelskreis, den sie nach fünf Jahren durchbrechen konnte – in der Kieler Schmerzklinik, wo sie sich zwei Wochen lang behandeln ließ. Erste Maßnahme: Bei Leonie Erhardt wurden alle Medikamente abgesetzt. „Bei rund der Hälfte unserer Patienten verschlimmern die Mittel den Kopfschmerz und sind selbst Ursache für die Attacken“, erklärt Klinikleiter Göbel. „Wenn der Körper permanent mit Wirkstoffen überlastet ist, muss man therapeutisch bei null anfangen.“ Die Migräne-Behandlung in Kiel be steht aus drei Säulen: Vorbeugen durch richtiges Verhalten – Stabilisieren der Biochemie des Nervensystems – Attacken-Therapie. Dazu gehört, dass Patienten ein Schmerztagebuch führen, um zu erkennen, wie sich die Kopfschmerzen ankündigen, wodurch sie schlimmer werden. Noch wichtiger ist, dass Schmerz gar nicht erst entsteht. Dabei helfen ein Tagesablauf mit immer gleichen Aufsteh-, Schlaf- und Essenszeiten sowie kohlenhydratreiche Kost – das ist Gehirnnahrung pur. Man verordnete Leonie wieder Sport. Und stellte fest, dass sich die stützende Muskulatur zurückgebildet hatte. Dafür waren andere Muskelstränge überfordert. „Ich hatte mir eine Haltung angewöhnt, die ich mir wieder abtrainieren musste.“

Zum Einsatz bei ihr kommt auch Biofeedback, dabei werden Körperreaktionen wie Blutdruck und Herzschlag auf einem Bildschirm nachgezeichnet. „Ich konnte erkennen, wann ich ruhiger wurde. Und was im Körper passiert, wenn ich in Panik gerate.“Leonie Ehrhardt war „ohne Hoffnung“ nach Kiel gefahren. „Aber das Unglaubliche geschah: Die Schmerzen verschwanden“, erzählt die inzwischen 24-Jährige . Sie kann heute ohne Medikamente leben, hat aber ein SOS-Set. „Falls sich Migräne ankündigt, kann ich sie mit Ruhe und dem Notfallmittel stoppen.“ Die Hamburgerin geht wieder mit Freunden aus. Und will sich eine neue Ausbildungsstelle suchen. „Nur Schichtdienst kommt nicht infrage. Ich habe dazugelernt.“

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