Temperatur-Therapien

Heiss-Kalt gegen Schmerzen

Hitze und Frost sind ein unschlagbares Team gegen Schmerzen, Infekte und Entzündungen. Mit Temperatur-Therapien kann man sich selbst kurieren

Frau in der Sauna Heiss-Kalt gegen Schmerzen © iStock/Thinkstock

Wie Wärme hilft

Zischend verdampft Wasser auf glühenden Kohlen. Nach drei Aufgüssen wird es spürbar heißer in der engen Saunakabine. Eukalyptusaroma liegt in der Luft. Das Thermometer zeigt 90 Grad, mit steigender Tendenz. Und der Schweiß tropft. Freiwillig in den Schwitzkasten legen sich nach Angaben des Sauna-Bunds 30 Millionen Deutsche. 70 Prozent davon sogar jede Woche. Denn Saunieren ist eine der angenehmsten Arten, gesund zu bleiben. Trockene Hitze in Kombination mit Eistauchbädern oder kalten Duschen ist das perfekte Detox-Programm, es stärkt Kreislauf und Abwehr, und es trainiert das vegetative Nervensystem. Dass Wärme wohltut, haben schon die Römer in der Antike entdeckt. Sie trafen sich in Dampfbädern nicht nur, um Gladiatorenkämpfe oder den neuesten Klatsch vom Kaiserhof zu diskutieren, sondern auch, um Rheuma und Hexenschuss zu kurieren. Heute gibt es wissenschaftliche Belege für die Anti-Schmerz-Wirkung von Wärme. Britische Forscher fanden heraus, dass ab 40 Grad Celsius auf der Haut Signalstoffe im Gehirn blockiert werden. Das schaltet den Schmerz aus wie ein Medikament. Auch auf den Zellstoffwechsel und die Regulation von Stresshormonen wirkt sich Wärme positiv aus – wie jeder merkt, der sich an hektischen Tagen eine Weile auf einer Parkbank von der Sonne bescheinen lässt. „Bauchkrämpfe, Regel- oder Ischiasschmerzen lassen sich am besten mit trockener Wärme lösen, zum Beispiel mit der guten alten Wärmflasche oder einem Kirschkernkissen“, erklärt FÜR SIE-Vertrauensarzt Dr. Martin Adler, Allgemeinmediziner aus Siegen.

Mineralische und organische „Trägerstoffe“ wie Fango, Heilerde und Moorschlamm speichern Wärme besonders lange. Auf diesem Prinzip basieren Wärme-Pflaster oder Umschläge (z. B. von SOS, rezeptfrei in Apotheken). Diese kann man gezielt auf schmerzende Stellen wie etwa Nacken oder Gelenke kleben. Dort geben sie bis zu acht Stunden Wärme ab. Der Körper hat also viel Zeit, sich zu entspannen und zu regenerieren. Feuchte Wärme wirkt stärker als trockene, deshalb bringen heiße Teilbäder, warme Wickel und „heiße Rollen“ (fest gewickelte Hand tücher, in deren Mitte heißes Wasser gefüllt wird) bei Durchblutungsstörungen, Blasenentzündung und verkrampftem Rücken schnell Besserung.

Auch Heu hilft

Wissenschaftler der Uni Bochum zeigten in einer Studie, dass Patienten mit Rückenbeschwerden nach der Behandlung mit angewärmten Heublumensäcken auf Schmerzmedikamente verzichten konnten. Auch die Hot-Stone-Therapie, bei der man mit warmen, glatten Steinen massiert wird, lockert Verspannungen und regt den Zellstoffwechsel an. Der Klassiker der feuchten Thermotherapie ist ein altes Hausmittel – das heiße Bad. „Es gibt dem Körper mehr Wärme, als er selbst erzeugen kann, wenn er sich mit einer Erkältung, Bronchitis oder Grippe plagt. Das heizt im Wortsinn die Abwehr an“, sagt Dr. Adler. Zusätzlich heilend für die Atemwege wirkt das Inhalieren von heißem Dampf mit ätherischen Ölen, etwa „Pinimenthol“ (rezeptfrei in Apotheken). Auch heißer Tee regt von innen die Schweißdrüsen an. Er treibt – allein durch seine Wärme – die Körpertemperatur in die Höhe und führt dazu, dass der Organismus vermehrt Abwehrzellen produzieren kann.

Wie heiß darf’s sein?

Wärmflaschen oder Kompressen immer in ein Tuch wickeln, um die Haut zu schonen. Bilden sich rote Flecken, sollte man die Wärmequelle entfernen.
• 45 bis 50 Grad sind für die meisten Anwendungen die beste Temperatur. Ausnahme: Fangopackungen. Sie tun dem Körper bis zu 70 Grad Celsius wohl.
• Bei Venenproblemen besser auf Wärmeanwendungen verzichten, weil sich die Beschwerden verschlimmern können.
• Für Sauna und heiße Bäder gilt: Wenn Kopfschmerzen oder Übelkeit auftreten, sofort raus ausder Hitze, kühl abbrausen und ausruhen.
• Warme Wickel können bis zwei Stunden auf der Haut bleiben, sofern man sie als angenehm empfindet. Wärmepads auch über Nacht.

Was Kälte kann

Am Südpol ist es kuschelig, verglichen mit diesem Ort in München: Bereits im Vorraum zur Kältekammer der Rheumaklinik Neuwittelsbach liegt die Temperatur 20 Grad Celsius unterhalb durchschnittlicher Antarktis-Grade. Zu minus 60 Grad tönt Popmusik aus den Lautsprechern, um die Patienten zu Bewegung anzuspornen. Sie tragen Badeklamotten und einen Mundschutz, damit der Atem keinen Kältebrand auf der Haut verursacht. Nach 15 Sekunden öffnet sich die Tür zu einer Kammer. Dort kühlt flüssiger Stickstoff die Luft auf minus 110 Grad, die es beim langsamen Spazieren gut drei Minuten auszuhalten gilt. Was nach Mutprobe klingt, gehört in mehr als 70 deutschen Rheuma- und Reha-Einrichtungen zum therapeutischen Alltag. „Viele Patienten mit Gelenkerkrankungen sind danach für Stunden schmerzfrei“, sagt FÜR SIE-Vertrauensarzt Dr. Martin Adler. Regelmäßige Ausflüge in die Eis-Kammer können die Entzündungsaktivität des Gewebes nachhaltig dämpfen. Auch bei Schuppenflechte und Neurodermitis ist die extreme Kälte (um 30 Euro pro Behandlung) deshalb heilsam, ebenso nach Knie- und Hüftgelenk-Operationen. Frostige Therapien wirken über die Haut: Kälterezeptoren senden Impulse an das Gehirn, das als Reaktion schmerzdämpfende Endorphine freisetzt und die Ausschüttung entzündungsfördernder Botenstoffe hemmt.

Auch Sportler machen sich das zunutze. Von der Volleyballerin bis zum Gewichtheber frösteln sie sich fit im „Tiefkühlfach“ des Bundesleistungszentrums in Kienbaum bei Berlin. Sportärzte beobachten Kraftsteigerungen von bis zu zehn Prozent. Schon lange vor Erfindung der Kältekammer wussten das übrigens furchtlose „Winterbader“ in nordischen Ländern. Eis aufhacken, rein in Wasser und den Körper ein paar Minuten „abschrecken“ ist dort Volkssport. Und eine Riesengaudi. Die Erklärung für das Doping, das aus der Kälte kommt: Dauert der Frost nur kurz an, gibt es einen sogenannten reaktiven Effekt – die Muskelaktivität steigt, ebenso die Durchblutung. Deshalb hilft ein kühles Gel-Kissen auf der Stirn auch rasch gegen Kopfweh. Hält der Kältereiz etwa zehn Minuten an, verringert sich die Durchblutung wieder, die Gefäße ziehen sich zusammen. Das würde in der Kältekammer keiner aushalten. Den Effekt erzielen aber auch schon weniger frostige Cold Packs, Eis-Kompressen, Kälte-Sprays oder auch ein Beutel Tiefkühlerbsen. Sie verringern etwa bei Prellungen oder Insekten stichen das Risiko von Schwellungen und Blutergüssen. Feuchte Kälte wie bei Wickeln oder Gels leitet Hitze ab. Bei der Kombination kühl-feucht ist es die Verdunstungskälte, die uns bei Fieber oder Sonnenbrand guttut. Beide Heilwirkungen zusammen sind ideal, um gar nicht erst krank zu werden. „Eis und heiß“ im Wechsel ist das perfekte Training für die Gefäße und macht auf Dauer das Immunsystem stark.

So kühlen wir richtig

• Bringen Sie Eis, Kühlakkus oder Gel- Kissen nie direkt mit der Haut in Kontakt. Besser: in ein dünnes Tuch wickeln und locker auf die betroffene Partie legen.
• Wird eine Anwendung unangenehm (Kälteschmerz statt Kältegefühl), braucht das Gewebe eine Pause, bis es neue Reize verarbeiten kann.
• Kühlende Wadenwickel erneuert man, wenn sie körperwarm sind. Man wechselt die Tücher lieber öfter, als sie zu kalt anzulegen. Fünf bis zehn Grad kühler als die Körpertemperatur sind ideal. Wichtig: nicht bei Schüttelfrost oder kalten Füßen anwenden.
• Bei hohem Blutdruck, Herzerkrankungen und Durchblutungsstörungen sollte Kälte nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt eingesetzt werden.