Alternative Medizin

Botox als Medizin

Die Anti-Falten-Spritze macht Karriere: Botox gilt als neue Wunderwaffe bei vielen Leiden – von Krämpfen bis zur chronischen Migräne.

Eine Frau hat ihr Gesicht mit der Hilfe von Botox liften lassen Botox als Medizin © Jalag-Syndication.de

Wir kennen Botox bisher hauptsächlich als Mittel zur Bekämpfung der Zornesfalte, die sich im Lauf der Jahre zwischen den Brauen eingräbt. Wenn ein Könner am Werk war, sieht man nach der Behandlung einfach nur frischer, glatter und gut erholt aus. Wird Botox von ungeübten und wenig sensiblen Ärzten nach dem Motto „Viel hilft viel“ verabreicht, wirkt die obere Gesichtshälfte mangels Mimik maskenhaft  – es entsteht ein irritierender Ausdruck ständiger Überraschung. Wirklich überraschend dürfte für viele allerdings sein, dass Botulinumtoxin („Botox“ ist nur einer von mehreren Markennamen) nicht nur Falten glättet, sondern auch als ernstzunehmendes Arzneimittel immer größere Bedeutung erlangt. In jüngster Zeit wurden viele neue Anwendungsmöglichkeiten entdeckt. Bei Muskelkrämpfen, krankhaftem Schwitzen oder Zähneknirschen wird es bereits mit Erfolg eingesetzt.

Erste Anwendung in der Geschichte des Botox

Eine Frau mit Botoxspritze

Botox aus der Spritze

Botulinumtoxin ist ein Bakteriengift. Früher, als es noch keine Kühlschränke gab und die Lebensmittelhygiene oft mangelhaft war, kam es vor allem in verdorbenen Wurstwaren vor und führte zu schlimmen Vergiftungen. In den 1970er Jahren startete das Botulinumtoxin seine Karriere in der Medizin. Der Augenarzt Dr. Alan Scott aus San Francisco suchte nach einem Mittel gegen das Schielen. Seine Theorie: Eine winzige Dosis Nervengift könnte den Muskel lähmen, der das schielende Auge nach innen zieht. Ein Biochemiker, der gerade gereinigtes Botulinumtoxin für mögliche militärische Zwecke entwickelt hatte, schickte Dr. Scott eine wissenschaftliche Probe – und es funktionierte. 1989 wurde „Oculinum“, wie Dr. Scott sein Medikament nannte, von den US-Behörden als Mittel gegen  Schielen und Lidzucken offiziell zugelassen. Zwei Jahre später kaufte die Firma Allergan das Medikament und vertrieb es unter dem Markennamen „Botox“. Durch die Anwendung in Augennähe  fand man bald heraus, dass Botox – praktisch als Nebenwirkung  – zu einer Faltenglättung führte. Damit begann der unaufhaltsame Aufstieg von dem Toxin Botox als „Anti-Falten-Spritze“.

Von der Medizin zur Ästhetik – und wieder zurück

Frau bekommt auf einem Arztstuhl Botox gespritzt

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Eine Zornesfalten- Behandlung kostet 300 bis 400 Euro, der Effekt hält ungefähr ein halbes Jahr. Doch nicht nur Falten lassen sich mit Botox glätten, die Dermatologen haben im Laufe der Jahre weitere Anwendungsmöglichkeiten der Gesichtsverjüngung mittels Botox entdeckt: „In der unteren Gesichtshälfte kann man etwa die Muskeln, die nach unten ziehen, blockieren und so eine Art Lifting-Effekt erzielen“, sagt Dr. Welf Prager, Arzt am Dermatologikum in Hamburg. In dieser dermatologischen Praxis arbeitet man bereits seit vielen Jahren mit Botox. Botulinumtoxin ist eines der stärksten Gifte überhaupt. Mit einem Esslöffel voll in der Wasserversorgung könne man eine ganze Stadt töten, heißt es. Ist es nicht gefährlich, sich so etwas injizieren zu lassen? Dr. Prager beruhigt: „Die Dosis, die man bräuchte, um einen Menschen ernsthaft zu gefährden, wäre so hoch, dass man dafür 30 000 bis 40 000 Euro investieren müsste. Botulinumtoxin ist immer extrem verdünnt. 50 ml unverdünnte Stammlösung decken den gesamten Weltbedarf, im ästhetischen wie im medizinischen Bereich.“

Das Anwendungsspektrum von Botox erweitert sich ständig. Das Arzneimittel Botulinumtoxin wird in den nächsten Jahren sehr wahrscheinlich großen medizinischen Nutzen bringen. Bereits seit einigen Jahren injizieren es Ärzte auch bei übermäßigem Schwitzen, der sogenannten Hyperhidrose. Dafür wird zunächst getestet, wo sich die überaktiven Schweißdrüsen befinden. Dann wird der Bereich mit Betäubungscreme behandelt, denn man braucht viele, viele kleine Einstiche, um die Aktivität der Schweißdrüsen zu hemmen – zirka einen pro Quadratzentimeter Haut. Dies ist eine ziemlich sichere Methode. Anders als beim Faltenglätten werden hierbei keine Muskeln gelähmt, sondern die Übertragung von Nervenreizen auf die Schweißdrüsen blockiert. Dafür hält der Effekt aber auch länger an: bis zu einem dreiviertel Jahr. Ob die Krankenkasse die Behandlung bezahlt, hängt unter anderem von der Schwere der Erkrankung sowie von der betroffenen Körperregion ab und ist immer eine Einzelfall-Entscheidung.

Botox hat auch weitere Einsatzgebiete

Botox ist derzeit für die Behandlung der folgenden Beschwerden offiziell zugelassen: Hyperhidrose, Mimikfalten, Bewegungsstörungen wie beispielsweise Schiefhals, Schielen, Augenlidkrämpfe sowie lokale Spastiken, die nach Schlaganfällen auftreten. Dr. Prager wendet es zudem auch gegen Zähneknirschen an. Das Botox wird dabei in den Kaumuskel gespritzt. „Das ist zwar offiziell nicht zugelassen, also ein sogenannter "Off-Label-Use" – aber man kann damit hervorragende Ergebnisse erzielen“, so Prager. Wenn der Patient vorher darüber informiert wird, dass es sich um einen „Off-Label-Use“ oder einen „individuellen Heilungsversuch“ handelt und dass es Studien gibt, die die Wirksamkeit belegen, ist diese Anwendung legal.

Eine Spritze - und die Migräne verschwindet

Eine Junge Ärztin mit einer Botox-Spritze

Botox hilft auch bei Migräne

Im September wurde auf dem Neurologenkongress in Nürnberg eine internationale Untersuchung vorgestellt. Sie belegt die Wirksamkeit von Botox gegen chronische Migräne anhand von 1400 Patienten. Botox-Spritzen verringerten innerhalb von vier Wochen die Zahl der Kopfschmerztage deutlich stärker als ein Scheinmedikament. Um eine chronische Migräne handelt es sich, wenn sie jeden zweiten Tag oder öfter auftritt. Die Entdeckung, dass Botox bei dieser Migräneform wirkt, ist ein Zufall: Viele Frauen, die sich ihre Falten mit Botox glätten ließen und zufällig auch chronische Migräne hatten, stellten eine spürbare Besserung fest. „Noch ist Botox nicht offiziell zu dieser Behandlung zugelassen. Neurologen können es trotzdem als ,individuellen Heilungsversuch‘ spritzen“, sagt Dr. Zaza Katsarava, Oberarzt der Neurologischen Klinik Essen und Co- Leiter des westdeutschen Kopfschmerzzentrums. Die Krankenkassen zahlen nicht.

Kostspielige Behandlung

Wer morgens weiterhin gern in den Spiegel schaut und Botox trotzdem anwenden möchte, muss tief in die Tasche greifen: Eine Behandlung kostet um 500 Euro und muss alle drei Monate wiederholt werden. Trotzdem kann sie durchaus empfehlenswert sein. Denn anders als Medikamente, die über Leber und Niere verstoffwechselt werden, wird Botox durch Enzyme abgebaut und hat keine negativen Auswirkungen auf Organe. Migräne-Patienten sollten mit ihrem Arzt sprechen. Die Zulassung von Botox zur Kopfschmerz-Bekämpfung ist lediglich eine Frage der Zeit, weitere Indikationen werden folgen. Die Zeiten, als man bei „Botoxbehandlung“ reflexartig an das Wegspritzen von Falten dachte, dürften also bald vorbei sein.