Neurologie ADHS bei Erwachsenen

Etwa die Hälfte aller Patienten kämpft auch nach der Pubertät mit den schweren Folgen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung - kurz mit ADHS

ADHS bei Erwachsenen ADHS bei Erwachsenen © diego cervo-Fotolia

Impulsivität. Hyperaktivität. Unaufmerksamkeit. ADHS.

Höchste Zeit, die Budgetplanung zu erstellen. Die Chefin hat schon dreimal nachgefragt. Doch die Exceltabelle kommt auch diesmal keine Zeile voran. Ständig hüpfen die Gedanken fort, die Konzentrationsspanne ist kürzer als ein Kleidchen von Victoria Beckham. Der Ärger über sich selbst wird zu Wut, die Wut zu Angst, die Angst blockiert jeden klaren Gedanken. So geht das jeden Tag der Woche, des Monats. Wer als Erwachsener mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS kämpft, bei dem herrscht Chaos: im Kopf und vielfach auch im Leben. Routineaufgaben, die zu unüberwindlichen Hürden werden, gehören ebenso zum Alltag wie Verspätungen, Vergesslichkeit und plötzliche Stimmungsschwankungen.

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Bekannt ist ADHS als kindliches Zappelphilipp-Syndrom

In Deutschland leiden rund drei Prozent der Erwachsenen an ADHS, die offiziell als Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung firmiert. Doch bekannt und viel diskutiert ist das Phänomen hauptsächlich als kindliches Zappelphilipp-Syndrom. „Unter jüngeren Menschen ist ADHS die seelische Beeinträchtigung, die am häufigsten vorkommt“, sagt der Neurologe Professor Dr. Michael Rösler vom Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg.

„Anders als lange Zeit vermutet, wächst sich die Störung jedoch mit der Pubertät nicht automatisch aus.“ Zwar nimmt die Rastlosigkeit und die Hyperaktivität ab, doch die anderen beiden Kernsymptome können bleiben: Unaufmerksamkeit und Impulsivität. „Etwa die Hälfte aller Jugendlichen mit ADHS kämpft auch als Erwachsene noch mit schlechtem Zeitgefühl, Ablenkbarkeit oder spontanen Stimmungsschwankungen.“

 

ADHS lässt Gefühle ungefiltert in die Welt schleudern

Dabei ist ADHS kein Charakterproblem. Hinter dem Phänomen verbirgt sich eine neurobiologische Funktionsstörung. „Diese Auffälligkeit lässt sich sogar im Kernspintomografen beobachten, wenn man auf das Frontalhirn blickt“, sagt ADHS-Forscher Rösler. Diese Hirnregion nimmt an der Planung des Verhaltens teil, hilft, Ablenkungen zu widerstehen und ein Zeitbewusstsein zu entwickeln. „Offensichtlich gelingt es den Betroffenen weniger gut, dieses Areal zu aktivieren.“ Weil auch die Impulskontrolle vom Frontalhirn gelenkt wird, schleudern auch erwachsene ADHS Patienten ihre Gefühle oft ungefiltert in die Welt.

 

ADHS ist eine Stoffwechselstörung

Obwohl die Symptome auffällig sind, ist die Stoffwechselstörung bei Erwachsenen nicht leicht zu diagnostizieren. Es gibt keinen Schnelltest oder einzelne Untersuchung auf ADHS. Deshalb puzzelt der Psychiater oder Neurologe seine Diagnose mit Hilfe von speziellen Fragebögen und Beurteilungsskalen aus der Lebensgeschichte des Betroffenen zusammen. Der Spezialist prüft auch, ob sein Patient unter Angststörungen oder Depressionen leidet. „Studien zeigen, dass Menschen mit ADHS ein hohes Risiko besitzen, weitere psychische Störungen zu entwickeln“, sagt Dr. Alexandra Philipsen, Oberärztin an der Uniklinik Freiburg. „Dazu zählen auch Essstörungen, Alkohol- oder Drogensucht und Zwangsstörungen.“

 

Bis heute gibt es kein zugelassenes Medikament

Speziell in solchen Fällen wird es höchste Zeit, professionelle Hilfe zu suchen. Zwar lässt sich das Ständig- unter-Strom-Symptom im Erwachsenenalter zumeist nicht heilen. Doch Psychotherapie, Medikamente und Verhaltensschulung – einzeln oder kombiniert – heben das Selbstwertgefühl und verbessern das Konzentrationsvermögen. Das Problem: Da sich Ärzte und Psychologen erst seit einigen Jahren mit Erwachsenen-ADHS beschäftigen, gibt es kaum Langzeiterfahrungen. Die Methoden aus der Psychotherapie sind noch kaum auf ihre Wirksamkeit überprüft. „Bislang ist für Erwachsene noch kein ADHS-Medikament offiziell zugelassen“, bedauert Psychiaterin Dr. Philipsen. „Das sehr gut wirksame Stimulans Methylphenidat kann der Arzt deshalb nur ,off-label‘ verschreiben.“ Die Konsequenz für den Patienten: Er muss das Mittel, das auch als „Ritalin“ bekannt ist, zumeist selbst bezahlen.

 

Neue Therapie-Wege bei ADHS im Erwachsenenalter werden beschritten

Doch es gibt auch vielversprechende Fortschritte zu vermelden. An etlichen Unikliniken existieren bereits ADHS-Sprechstunden für Erwachsene. In einer Pilotstudie der Universität Freiburg zeigten sich Übungen zum Achtsamkeitstraining oder zur Impulskontrolle nachweislich erfolgreich. „Es gibt auch Hinweise, dass die Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten wirksamer sein kann, als nur Medikamente zu schlucken“, so Dr. Philipsen.

 

 

 

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Autor:
Bernhard Hobelsberger