Report Volkssport Marathon

Sie rennen 42,195 Kilometer zu Fuß und ohne Pause – freiwillig. Tausende von Frauen und Männern schnüren sich jetzt die Laufschuhe, um bei den großen Veranstaltungen zu starten. Warum tun sie sich die Strapaze an?

Volksport Marathon Volkssport Marathon © Serguei Kovalev-Fotolia

Stellen Sie sich vor, Ihre Freundin würde von ihrem neuen Hobby schwärmen und es klänge ungefähr so: „Es ist nie von Anfang bis Ende schön. Der Reiz ist, weiterzumachen, wenn es wehtut.“ So beschreibt Gabriele Paul ihre große Leidenschaft Marathon. Drei bis vier absolviert sie pro Jahr. Entdeckt hat sie die Freude am Schmerz vor neun Jahren, als sie sich zum 40. Geburtstag die freie Zeit zur Marathon-Vorbereitung schenkte. Seitdem trainiert die Berlinerin mindestens dreimal die Woche, in der intensiven Vorbereitung bis zu fünfmal. Diese 42,195 Kilometer – das stellt man als Nicht-Marathoni schnell fest – sind offenbar viel mehr als ein Hobby.

Sie sind für Läufer wie die zweifache Mutter Gabriele Paul wichtiger Teil ihres Lebens und ein Stück des Alltags, das sie sich nicht mehr wegdenken können. Und aus einer Extremleistung für wenige ist fast ein Volkssport geworden. Letztes Jahr schindeten sich 130 000 Frauen und Männer in Deutschland erfolgreich über die offizielle Olympiadistanz. Allein in Hamburg werden am 26. April wieder 19 000 Läufer starten – die Einwohnerzahl einer Kleinstadt. Es laufen Männer, es laufen Frauen, es laufen Junge, es laufen Alte.

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Tatsächlich auffallend viele Ältere – das Durchschnittsalter der Aktiven liegt bei für Sportlern verhältnismäßig hohen 40 Jahren. Insbesondere die Zahl der Teilnehmer jenseits der 50 und auch der Frauenanteil steigt laut einer Studie der Sporthochschule Köln.

Warum laufen sie bis zur Erschöpfung?

Warum tut es nicht auch die Bewegung an frischer Luft auf einem Golfplatz oder das Duell auf dem Tenniscourt? Einer, der es wissen muss, ist Professor Dr. Thomas Wessinghage, Sportmediziner, Ärztlicher Direktor der Medical Park Kliniken am Tegernsee, 1982 Europarekordler über 5000 Meter, heute auch Anbieter von Laufseminaren: „Jede Gesellschaft bekommt den Sport, den sie verdient. Und Marathon steht für Werte, die unsere Gesellschaft fordert und fördert.“ Auch wenn uns diese Frauen und Männer in ihrer Konsequenz fremd sind – was man durch Marathonlaufen erreichen kann, scheint höchst attraktiv.

„Ob Menschen sich mit 50plus die Haare färben oder Marathon laufen: Ziel ist, jung auszusehen und leistungsfähig zu bleiben – und dies sich selbst und anderen zu beweisen“, so Wessinghage. Dazu passen die typischen Einstiegsmotive seiner Laufseminar-Teilnehmer: „Die meisten Frauen wollen etwas für ihre Figur tun, und Männer suchen mit 50 die Bestätigung ihrer Leistungsfähigkeit“, sagt der Sportmediziner. Gerade bei seinen Anfängern sei es wichtig, dass er die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit langsam schließt.

Denn im besten Fall dauert es Monate, bis man die Strecke gesund bewältigt, vorherige Check-ups beim Arzt werden dringend empfohlen. In den 90er Jahren suchte man diese sportlichen Jungbrunnen womöglich noch im Fitness-Studio oder in der Squash-Halle.

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Autor:
Sibylle Royal