Essstörung

Immer Hunger: Emotionales Essen

Viel verbreiteter als Magersucht und Bulimie ist „emotionales Essen“. Nadine Schindler* (42) weiß, wie tröstend Chips und Schokolade sein können – und wie schwer man sich davon befreit.

Immer hunger Immer Hunger: Emotionales Essen © istockphoto

Morgens war ich noch auf der sicheren Seite. Beim Umdrehen im Bett, dem schnellen Kaffee im Stehen – da vermisste ich nichts. Gegen zehn kam der Hunger. Mit dem ersten krachenden Biss in ein belegtes Brötchen war es, als würde ein Schalter umgelegt. Ein Schalter, auf dem riesengroß „ESSEN“ stand. Und dort blieb er für den Rest des Tages. Die Schale mit den Weingummis auf dem Schreibtisch, die Kekse zwischendurch, abends vorm Fernseher die Salamischeiben direkt aus der Packung – ich konnte nicht damit aufhören. Mein Problem war nicht der große Hunger – beim Mittagessen oder Abendbrot habe ich mir den Teller nicht maßlos vollgeschaufelt. Mein Problem war, dass ich ständig hungrig war. Wo immer eine Schale mit Knabberkram stand: Ich musste reingreifen. Wann immer ich beim Bäcker vorbeiging: Ich musste mir etwas kaufen.

Es war wie eine Sucht. Aber ich kannte es nicht anders. Zu Hause stand stets etwas auf dem Tisch, keiner ermahnte mich, wenn ich mir etwas holte. Weil ich viel Sport machte, war ich als Kind auch nicht dick. Das kam erst am Ende der Teenie-Zeit. Mit Anfang 20 wog ich 90 Kilo. Bei einer Größe von 1,75 Metern. Damals dachte ich: Jetzt reicht’s, ich will nicht dick sein. Ich schloss mich einer Diätgruppe an, achtete penibel auf alles, was ich aß. Mit viel Disziplin nahm ich ab, war nach einigen Monaten bei 66 Kilo. Freundinnen machten mir Komplimente, Männer sahen mir hinterher, ich hätte glücklich sein müssen. War ich aber nicht. Ich hatte die letzten Jahre immer gedacht: Wenn du schlank bist, dann ist alles super. Und jetzt? Fühlte sich mein Leben an wie vorher – normal, nicht besser. Wie ungerecht! Schließlich verzichtete ich auf so viele leckere Sachen. Der Frust wuchs von Woche zu Woche, immer öfter gönnte ich mir als Belohnung einen „Rückfall“. Und irgendwann wurden die Rückfälle zur neuen alten Gewohnheit.

*Name von der Redaktion geändert

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