Essstörung Emotionales Essen

Mit Schokolade, Chips, Süßigkeiten und Co. auf dem Sofa liegen und so Kummer und Einsamkeit vergessen machen. Frustessen führt bei Betroffenen nicht nur zu Übergewicht, es ist ein psychisches Problem, das oft mit Stress beginnt. Was Sie über das zwanghafte Essverhalten wissen sollten, lesen Sie hier. Außerdem einen Erfahrungsbericht.

Immer hunger Emotionales Essen © istockphoto

Was für die einen eine kleine Nascherei am Rande ist, kann für andere eine regelrechte Ess-Attacke ohne Ende bedeuten. Emotionale Esser greifen unkontrolliert und häufig ohne jegliches Hungergefühl zu jeder Menge ungesunder Lebensmittel mit viel Fett und Zucker. Der Grund: Je angespannter und gestresster wir sind, desto mehr Zucker verlangt unser Körper beziehungsweise unser Gehirn. Wer dem Frustessen erst einmal verfallen ist, dem fällt es häufig schwer, damit aufzuhören. Laut einer Studie des US-Institus "Psychology of Eating" versuchen drei von vier Menschen mit diesem Essverhalten Stress abzubauen oder emotionale Gründe zu unterdrücken. 

Bei emotionalem Essen hilft keine Diät

Wenn sich jedoch die ersten Stresskilos auf der Waage bemerkbar machen, heißt es für viele: Ran an den Speck! In einer solchen Situation wird oft versucht, das Übergewicht mit einer Diät zu bekämpfen. Leider geht dieser Ansatz genau in die falsche Richtung. Denn eine Gewichtsreduktion bedeutet zusätzlicher Stress für Kopf und Körper. Statt abzunehmen, stehen Betroffene unter Druck, sind gestresst und frustriert. So kann eine Diät nicht funktionieren und Abnehmwillige nehmen im Zweifel eher zu als ab. 

Frustessen stoppen

Wer der Gewichtszunahme wirklich entgegenwirken will, muss der eigentlichen Ursache und dem eigentlichen Stressfaktor auf den Grund gehen und aus der Welt schaffen. Ihr Wohlfühlgewicht wird sich von ganz alleine einpendeln, wenn Sie ein unbesorgtes und stressfreies Leben führen.

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Ein Erfahrungsbericht

Viel verbreiteter als Magersucht und Bulimie ist „emotionales Essen“. Nadine Schindler* (42) weiß, wie tröstend Chips und Schokolade sein können – und wie schwer man sich davon befreit.

*Name von der Redaktion geändert

Zu blöd, um schlank zu bleiben

Morgens war ich noch auf der sicheren Seite. Beim Umdrehen im Bett, dem schnellen Kaffee im Stehen – da vermisste ich nichts. Gegen zehn kam der Hunger. Mit dem ersten krachenden Biss in ein belegtes Brötchen war es, als würde ein Schalter umgelegt. Ein Schalter, auf dem riesengroß „ESSEN“ stand. Und dort blieb er für den Rest des Tages. Die Schale mit den Weingummis auf dem Schreibtisch, die Kekse zwischendurch, abends vorm Fernseher die Salamischeiben direkt aus der Packung – ich konnte nicht damit aufhören. Mein Problem war nicht der große Hunger – beim Mittagessen oder Abendbrot habe ich mir den Teller nicht maßlos vollgeschaufelt. Mein Problem war, dass ich ständig hungrig war. Wo immer eine Schale mit Knabberkram stand: Ich musste reingreifen. Wann immer ich beim Bäcker vorbeiging: Ich musste mir etwas kaufen.

Es war wie eine Sucht. Aber ich kannte es nicht anders. Zu Hause stand stets etwas auf dem Tisch, keiner ermahnte mich, wenn ich mir etwas holte. Weil ich viel Sport machte, war ich als Kind auch nicht dick. Das kam erst am Ende der Teenie-Zeit. Mit Anfang 20 wog ich 90 Kilo. Bei einer Größe von 1,75 Metern. Damals dachte ich: Jetzt reicht’s, ich will nicht dick sein. Ich schloss mich einer Diätgruppe an, achtete penibel auf alles, was ich aß. Mit viel Disziplin nahm ich ab, war nach einigen Monaten bei 66 Kilo. Freundinnen machten mir Komplimente, Männer sahen mir hinterher, ich hätte glücklich sein müssen. War ich aber nicht. Ich hatte die letzten Jahre immer gedacht: Wenn du schlank bist, dann ist alles super. Und jetzt? Fühlte sich mein Leben an wie vorher – normal, nicht besser. Wie ungerecht! Schließlich verzichtete ich auf so viele leckere Sachen. Der Frust wuchs von Woche zu Woche, immer öfter gönnte ich mir als Belohnung einen „Rückfall“. Und irgendwann wurden die Rückfälle zur neuen alten Gewohnheit. 

Nach einem Jahr wog ich mehr als 90 Kilo und steckte mittendrin in der Jo-Jo-Falle: Ich machte erneut Diät, nahm ab, nahm wieder zu. Ich redete mir ein, nichts falsch zu machen – schließlich aß ich ja auch viel Gemüse und Obst, und in meinem Kühlschrank standen fast nur Light-Produkte. Dann wieder verurteilte ich mich, lag weinend im Bett. Jedes Mal, wenn mein Gewicht stieg, aß ich aus Frust darüber besonders viel und oft. Es folgten immer neue Diäten, Kräuterpräparate, Punkte- und Kalorienzählmethoden.

Nach einer Weile hätte ich jeden Ernährungskurs leiten können. Aber das Wissen half nicht weiter. „Dann iss doch weniger“, sagten ein paar Freunde. „Dann akzeptier dich doch, wie du bist!“, rieten andere. Das eine schaffte ich nicht. Das andere wollte ich nicht. Manchmal stand ich vor der Toilette und dachte: Finger in den Hals, erbrechen – und alles hätte ein Ende. Eine Bulimie wäre wenigstens eine richtige Störung, mit einem medizinischen Namen. Aber das habe ich mich nie getraut. Ich war, so dachte ich, einfach zu blöd, um schlank zu bleiben.

Immerhin: Meinem Mann war es egal, wie viel ich wog. Mir war es nicht egal. Ich sagte Partys ab, um dort nicht die einzige Dicke zu sein. Ich kaufte Hosen zwei Nummern zu klein – als Motivation für die nächste Diät. „Wenn ich erst schlank bin“ war mein Mantra. Dann werde ich feiern, einen Ballettkurs machen, taillierte Blazer tragen. Ich lebte ein Leben im Warte-Modus mit drei Kisten ungetragener Klamotten auf dem Dachboden. Warum esse ich, obwohl ich nicht hungrig bin? Darauf fand ich nie eine Antwort.

Essen als Trost

Mittlerweile kenne ich sie. Denn vor zweieinhalb Jahren – damals wog ich 120 Kilo – habe ich ein Seminar besucht, in dem es um den Zusammenhang zwischen Gefühlen und Hunger ging. Ich wusste zwar, dass ich ein Frustesser bin. Doch erst durch das Seminar setzte sich etwas in mir in Bewegung. Mir wurde klar, warum ich mich mit Essen tröste. Weil ich das von klein auf gelernt habe: Essen ersetzte bei uns das Reden, Gefühle wurden unter den Tisch gekehrt. Mit sieben, als sich meine Eltern scheiden ließen, schluckte ich den Kummer mit Schokolade runter. Das Seminar hat mir gezeigt, dass ich mich von alten Gewohnheiten nur löse, wenn ich mich meinen Gefühlen stelle: Warum stopfe ich mir Cashewnüsse in den Mund? Bin ich vielleicht sauer auf die Kollegin, die mir bei der Besprechung über den Mund gefahren ist? Oder traurig, weil eine Freundin meinen Geburtstag vergessen hat?

Es gibt keine Verbote bei diesem Seminar, nur eins: Man soll seine schlechten Essgewohnheiten nicht verurteilen. Schluss mit den Vorwürfen. Stattdessen lernt man innezuhalten, bevor man gedankenlos zum Essen greift. In sich reinzuschauen, Gefühle zuzulassen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen: Habe ich wirklich Hunger? Nein. Warum esse ich dann? Ich bin traurig! Warum? Und was hilft mir, damit es mir besser geht? Vielleicht rufe ich meine Freundin an? „Handlungsspielraum“ nennt man das. Heute weiß ich: Ich bin kein Opfer. Es gibt eine Alternative zum Frustessen. Ich kann den falschen Hunger aushalten, bis der echte Hunger kommt.

Im Laufe der Zeit meldete sich der falsche Hunger immer seltener. 26 Kilo habe ich in den letzten zweieinhalb Jahren abgenommen. Sicher: Wenn mal alles schiefläuft, tröste ich mich auch mal mit Schokolade oder Pasta. Früher habe ich mich dafür gehasst und noch mehr in mich reingestopft. Heute verurteile ich mich nicht mehr. Und noch etwas ist neu. Das Gefühl: Ich lebe. Und zwar jetzt! Auch wenn ich mit 94 Kilo immer noch runder bin als andere. Ich schiebe nichts mehr auf: Ich habe mir Ballettschuhe gekauft und sie an die Wand gehängt. Ich traue mich wieder auf Partys, bei der die Gastgeberin Größe 36 trägt. Und seit Kurzem trage ich manchmal sogar einen taillierten Blazer. 

Essprobleme verweisen auf Gefühle

„Jedes Essproblem hat einen emotionalen Kern“, sagt die Hamburger Psychotherapeutin Maria Sanchez.

Gängige Ansätze gegen „Binge Eating“ und andere Essstörungen – meist eine Kombi aus Verhaltenstherapie, Ernährungslehre und Entspannungsmethoden – überzeugen sie nicht: „Das ist wie eine Decke, die über Gefühle wie Trauer, Wut und Angst ausge - breitet wird, statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dabei können diese Gefühle ein Weg - weiser sein, der uns auf etwas aufmerksam macht, das nicht stimmt in unserem Leben.“

In ihren Seminaren geht es nicht um Ernährungstipps, sondern um Körperwahrnehmung, Ursachenforschung für das Essproblem und einen achtsameren Umgang mit sich selbst. Übrigens: Maria Sanchez ist mit der von ihr selbst entwickelten Methode auch ihr eigenes jahrelanges Übergewicht losgeworden. Seminare: www.sehnsuchtundhunger.de Sanchez’ gleichnamiges Buch ist im Envela Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro

 

 
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